Fahrrad-Sportskanonen oder: Die E-Bikes stehen da drüben!

Es gibt den schönen Spruch „wenn die Sonne [der Erkenntnis] tief steht, werfen auch [geistige] Zwerge lange Schatten“. Man kann ihn auch auf den Sport bzw. Breitensport ummünzen, ungefähr so: „wenn die sportliche Sonne tief steht, werfen auch sportliche Zwerge Hulk-artige Schatten“. Wir sind nämlich ganz ohne unser Zutun in der Rangliste der ambitionierten Freizeitsportler ein ganzes Stück nach oben gerückt, und zwar, weil wir als „Umme-50″er keine E-Bikes haben.

Über die letzten Jahre konnte man die Entwicklung gut beobachten: als wir vor ca. 7 Jahren eine mehrtägige Tour gemacht haben, begegneten uns praktisch nur Radfahrer, die wie wir mit Muskelkraft strampelten. Zu der Zeit waren E-Bikes auch noch leicht zu erkennen, weil sie riesige Akkus und Motoren an Bord hatten. Bei unserer 3-Flüsse-Tour (Saar-Mosel-Rhein) vor zwei Jahren begegneten uns schon reichlich E-Biker – bestimmt etwa die Hälfte. Und das waren keine Menschen mit körperlichen Ein­schränkungen oder in sehr vorgerücktem Alter. Nein, die machten eine 20-km-Tagestour und hatten noch nicht einmal Gepäck auf dem Rad. Da passierte es uns schon relativ häufig, dass wir ungläubig bestaunt wurden wie Sahara-Durchquerer: „Was? Ohne Motor? Und dann auch noch das Gepäck drauf? Donnerwetter, das ist aber sportlich!“. Nee, das ist nicht sportlich, sondern ihr seid Luschen!

Wir sind bestimmt nicht die supersportlichen Radler. Aber mit modernen Rädern mit guten Gangschaltungen, der mittlerweile üblichen sehr großen Übersetzungsbreite und entlang eines Flusses (!) ist es auch für Menschen wie uns kein Problem, entspannt einen Schnitt von 15 km/h zu fahren. Ohne Motor. Nur mit der Kraft unserer Beine. Das sind bei einem lockerem Tagesprogramm von zweimal 2,5 Stunden mit ausgedehnter Mittagspause und früher Ankunft am Zielort sensationelle 75 km! Aber wir werden bestaunt wie Ironman und Ironwoman… Einerseits ist das ganz witzig, aber andererseits auch ein bisschen peinlich.

Was ist mit unserer Gesellschaft los? Als ich mir im letzten Winter ein neues Rad kaufen wollte, war direkt der erste Satz des Verkäufers: „Die E-Bikes stehen da vorne.“ „Nein“, sagte ich, „ich möchte ein normales Rad. Ohne Motor.“ Ich habe mich nicht am Rollator in den Fahrrad­laden geschleppt, und der Verkäufer war nicht viel jünger als ich. Er hatte allerdings ohnehin schnell verloren, weil er bei der Frage der Rahmen­höhe eine ungeschickte Bemerkung über Frauen und Beinlängen gemacht hat. Zur Strafe habe ich mich von ihm nur ausgiebig beraten lassen und mein Rad dann in einem anderen Laden gekauft. Das nur mal so am Rande.

(Verkäufer/innen, wenn ihr Umsatz mit Menschen machen wollt, dann seht zu, dass ihr ihnen nicht völlig unnötig auf den Schlips tretet, indem ihr dumme Bemerkungen über ihre körperlichen Eigenschaften macht!!!)

Zurück zum Radkauf. Ich habe mir also tatsächlich ein normales Fahrrad gekauft. Auch ich werde wahrscheinlich irgendwann ein E-Bike fahren, nämlich spätestens dann, wenn ich zum Auftakt meines Ruhestandes die seit Jahren geplante Deutschlandum­rundung per Rad mache. Dann bin ich weit über 60, die Strecke ist echt lang, da ist es legitim, wenn man sich auf hügeligen Passagen oder einfach zur Verlängerung der Tagesetappen ein bisschen helfen lässt.

Aber doch nicht jetzt! Es gibt natürlich auch für jüngere Menschen gute Gründe, ein E-Bike zu fahren: ein Freizeitfahrradsportler erzählte mir vor einiger Zeit, er hätte sich für den Weg zur Arbeit ein E-Bike zugelegt. Wenn er die 30 km morgens mit Motor­unterstützung fährt, kommt er einigermaßen entspannt an und kann ohne erneute Dusche an den Arbeits­platz. Und wenn er dann abends ohne Motor­unterstützung nach Hause fährt, hat er gleich ein kleines Training. Oder Menschen, die in hügeligen Gegenden wohnen, in denen sie sich sonst nur mit Auto vorwärts bewegen würden. Wenn in solchen Fällen ein E-Bike dazu führt, dass man vom Auto aufs Rad umsteigt: toll!

Die meisten Deutschen wohnen jedoch nicht in den Bergen, und sie fahren auch nicht 30 km mit dem Rad zur Arbeit. Aber sie trauen sich trotzdem nicht mehr zu, ohne Motor­unter­stützung ein Fahrrad vorwärts zu bewegen. Wie traurig ist das denn?

Mittlerweile sind ja die Akkus und die Motoren wirklich unauffällig verbaut. Man erkennt sie aber trotzdem sofort: die Menschen, die mit einer verdächtig niedrigen Trittfrequenz unterwegs sind, bei der man denkt, die kann man auch nur fahren, wenn man sehr gesunde Knie und sehr starke Oberschenkel­muskeln hat. Und dann fahren sie an einem vorbei, und man sieht das etwas vergrößerte Tret­lager und das unauf­fällige Päckchen unter dem Gepäckträger. Um nicht falsch verstanden zu werden: wenn Menschen durch E-Bikes überhaupt aufs Fahrrad und an die frische Luft kommen, dann ist das ein großer Gewinn. Für sie selbst und für die allgemeine Gesund­heit. Aber, so sagte es sinngemäß vor kurzem irgendwer irgendwo: wenn man unter 70 ist und körperlich nicht ein­geschränkt, dann möge man doch bitte sein Fahrrad (nur) mit Muskelkraft antreiben. Das ist gut für die Muskeln und den Stoffwechsel.

Wir werden im Spätsommer die Ostseeküste abradeln. Selbstredend mit dem Wind (wenn er denn aus Westen kommt). Aber ohne Motor. Und man wird uns bestaunen wie Übermenschen…

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Eine Antwort zu Fahrrad-Sportskanonen oder: Die E-Bikes stehen da drüben!

  1. Lo schreibt:

    Bravo! Das ist mir aus der Seele geschrieben. So lange ich gesund und fit bin, radle ich mit eigener Kraft.

    Gefällt 1 Person

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