Thermomix

Ich habe keinen Thermomix. Und ich werde wohl auch nie einen haben. Zum einen wegen des sehr hohen Preises, zum anderen, weil ich bei „Kult-Produkten“ immer schnell zweifle, ob denn nicht ein Teil der Schwärmerei, die man von Nutzern hört, nur cleveres Marketing ist.

Aber darum soll es gar nicht gehen. Sondern um die wirklich nervtötende Eigenschaft von Thermomix-Nutzer/inne/n, einem bei buchstäblich jeder Gelegenheit erzählen, wie toll das Ding doch ist.

Da sind die Thermomixler ein bisschen wie Veganer – bzw. so, wie das boshafte Klischee Veganer sieht.
Es gibt die scherzhafte Frage „Woran erkennt man, dass jemand Veganer ist?“ – „Er wird es einem erzählen!“ Die Unterstellung, dass Veganer jedem ständig und ohne jede Notwendigkeit erzählen, warum sie vegan essen und wie toll das ist, ist bestimmt etwas übertrieben. Bei Thermomixlern nicht. Deren Verhalten hat wirklich etwas Sektenhaftes.

Man kann mit Thermomix-Besitzer/inne/n nicht mehr über Essen reden. Oder auch nur gemeinsam mit ihnen und etwas Essbarem im selben Raum sein.
Aus ihrem Mund blubbert immer derselbe Satz: „du, mit dem Thermomix geht das ja alles viel schneller/einfacher/toller…“ Man hatte ganz schlimm Magen-Darm? „Mit meinem Thermomix hätte ich dir in nullkommanichts eine sooo tolle Schonkost gekocht.“ Am Wochenende soll es Rouladen geben? „Mit dem Thermomix könntest du Rouladen, Klöße UND Rotkohl gleichzeitig zubereiten!“ Man bringt eine Geburtstagstorte mit ins Büro: „Mit meinem Thermomix geht ja sowas in der halben Zeit und schmeckt doppelt so gut – nichts für ungut, Geburtstagskind!“ Wahrscheinlich ist sogar ihr Sex besser, seit sie den Thermomix haben.

Warum machen die das?
Müssen sie sich immer wieder selbst bestätigen, wie sinnvoll die Investition von weit über 1.000 Euro in eine besonders vielseitige Küchenmaschine ist? Ja, wunderbar, er kann mixen, zerkleinern, hacken, erwärmen, dämpfen, kochen, und bestimmt noch 20 andere Dinge. Also das, was man so mit einer handelsüblichen Küchenausstattung tun kann. Alles in einem Gerät. Das ist schön. Aber ist es ein Grund, auf andere Leute einzureden, bis denen die Ohren bluten?

Hat dieser religiöse Eifer vielleicht was mit einer Art Gemeinschaftsgefühl zu tun? Die Dinger werden ja nicht im Laden verkauft, sondern nur durch die Thermomix-Außen­dienstler (Vorwerk weiß eben, wie man’s macht). Das heißt, der Kaufvorgang ist schon ein besonderes Erlebnis. Wie Wolfsburger Autostadt und Tupperparty zusammen. Und dann gibt es Thermomix-Kochbücher, Thermomix-Youtuberinnen, und bestimmt auch gemeinsame Thermomix-Kochabende. Ja, man kauft nicht einfach ein Küchengerät, sondern man kauft eine Lebenseinstellung und fühlt sich erleuchtet.

Mich macht es komplett aggressiv, wenn jemand entweder meine Art der Nahrungs­zubereitung heruntermacht („das könntest du mit dem Thermomix viel einfacher haben!“) oder mich implizit für dumm erklärt, weil ich nicht verstehe, wie toll die Vorteile der Thermomix-Nutzung sind. Oder wahlweise für arm, weil ich mir den Thermomix nicht leisten will, oder für in Gelddingen völlig verblödet, weil ich behaupte, bessere Verwendungszwecke für mein Geld zu haben.

Und ich komme mir andererseits auch blöd vor, wenn ich das händische Schnippeln von Möhren verteidige oder versuche, dem persönlichen Überwachen des Garvorgangs eine besondere Bedeutung anzudichten. Ich will ja meiner Art des Kochens gar keine religiöse Eigenschaft verleihen. Aber meine Nackenhaare stellen sich auf, wenn andere versuchen, das mir gegenüber zu tun. Ich mag mir nicht das missionarische Geschwurbel von Thermomixlern antun (womöglich fahren die auch noch Autos mit Automatikgetriebe (was sonst, jeder, der noch Schaltwagen fährt, bewegt sich doch an der Grenze zum Führerscheinentzug, die Automatikgetriebe sind doch heutzutage sowas von technisch ausgereift usw. usf.), und sie benutzen auch nur Apple-Produkte (weil nur der Computer-, Design- und auch sonst Pöbel auf die schmierigen Microsoftprodukte hereinfällt)). Wobei Automatikgetriebe-Fans und Apple-Nutzer nichts sind gegen Thermomix-Nutzer. Gar nichts.

Vielleicht ist so ein Thermomix tatsächlich ein tolles Gerät, das unter Umständen sogar seinen Preis wert ist. Aber allein der missionarische Eifer der (was sage ich – aller!) Nutzer macht das Gerät für mich unkaufbar.

Wahrscheinlich werde ich, wenn mir in Zukunft jemand erklärt, dass der Thermomix sein/ihr Leben, wenn auch nicht gerettet, so doch mindestens zu einem erheblich besseren gemacht hat, erwidern, dass ich grundsätzlich nur Dosensuppen und Fertigpizzen esse, und dass das Maximum an frischer Zubereitung ein Einkauf in der Dönerbude ist. Da soll mir mal jemand erzählen, wo mir der Thermomix Vorteile bringt.

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2 Antworten zu Thermomix

  1. Stefan Wanzenried schreibt:

    Hahaha!!! Gut gesprochen! Kenne das Teil, bzw. die Marke nicht…, aber es erinnert an andere Kultgegenstände… und leider manchmal auch an mich selber! 😉

    Gefällt 1 Person

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