Karamel-Rahm-Trüffel oder doch lieber Royal-Macadamia-Vanille?

Ich war als Kind häufig in der damaligen DDR, wir hatten dort Verwandtschaft. Ich fand das immer ganz schön, sogar den Grenzübertritt, der meine Mutter regelmäßig an den Rand des Nervenzusammenbruchs trieb.

Eine der angenehmen Seiten des real existierenden Sozialismus war es für mich damals, dass die Welt so übersichtlich war. Ich fand es prima, dass man im Laden die Wahl hatte, entweder Brötchen oder keine Brötchen zu kaufen, oder die gute Vierfruchtmarmelade – es gab eben nur die eine. Auch bei dem, was wir für unsere zwangsumgetauschten Ostmark kaufen konnten, war alles sehr übersichtlich. Warum schreibe ich das?

Morgen ist Nikolaustag. Und ich wollte für meine Tochter eine ganz besondere Weihnachts-Schokoladensorte kaufen, bin also extra in die Stadt gefahren in der Hoffnung, die Süßwarenabteilung von Karstadt hätte mehr im Angebot als der Supermarkt um die Ecke. Die Schokolade gab es nicht, aber wo ich schon mal da war, habe ich die restlichen Süßigkeiten eben dort gekauft. Allein die 30 Sorten Schüttware, die es von Lindt gibt, wo jedoch auf dem Einwickelpapier der Kugeln leider nicht ersichtlich ist, was eigentlich drin ist, hat mich schon richtig Zeit gekostet. Dann kam der Gang zur Kasse. Man musste an der Pralinentheke zahlen, und da gab es geschätzte 50 Sorten feine Pralinen in der Auslage, und eine Riesen-Kundenschlange davor. Das war auch kein Wunder, denn es stand nur eine Mitarbeiterin hinter dem Tresen.

Da stand ich also mit meinem Schokonikolaus und dem Tütchen Kram, und hörte dem Kunden zu, der ungefähr 5 Plätze vor mir in der Schlange war.
„Und dann nehme ich noch ein paar Pralinen dazu. Mal gucken… Also zwei von denen da, die mit dem Kringel drauf. Das sind doch die Marc de Champagne? Ach so, Karamel-Kirsch-Trüffel-Parfait. Schmecken die denn auch? Na gut, dann zwei davon. Aber Marc de Champagne haben Sie doch auch? Ach, drei Sorten sogar! Welche sind das denn? Dann nehme ich mal von jeder Sorte eine. Ach nee, machen Sie mal zwei von jeder Sorte. Und dann noch was Frucht dazu. Schwarzwälder Kirsch? Ach, ich weiß nicht… Dann doch lieber die mit dem Orangenschnitz drauf. Ja, auch gern zwei. Ich glaub, das war’s. Wieviel ist das denn jetzt so, vom Gewicht her? Och, da packen Sie mal noch drei dazu. Suchen Sie mal aus, was Sie so meinen. Aber nichts mit Nuss!“

Die Frau dahinter hätte für ihre zugegebenermaßen umfangreichen Einkäufe gern zwei von den schönen Weihnachts-Deko-Verpackungstüten gehabt, aber die Verkäuferin erklärte bedauernd, sie dürfe je Einkauf nur eine der Tüten rausgeben. Worüber die Kundin sehr erbost war, sie kaufe hier schließlich nicht für dreiEurofünfzig, sondern schon für eine Menge mehr.

Der Mann hinter mir fing an zu schnaufen, ich habe erstmal Neuigkeiten auf Facebook gecheckt.

Langsam, langsam ging es vorwärts, und ich war so glücklich, als ich aus dem Laden raus war, dass ich dem Obdachlosen, der mich vor dem Kaufhaus um eine Zigarette anschnorrte, gleich zwei gegeben habe, damit er eine für später hat.

Mit der sozialistischen Variante – eine Sorte Pralinen mit Alkohol, eine ohne – wäre das schon schneller gegangen :-).

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