Dating in Zeiten der digitalen Omnipräsenz

(„Omnipräsenz“ ist in der Überschrift eigentlich nicht richtig aufgehoben, ich wollte das Wort aber gern einmal verwenden)

Meine Beziehung entwickelt sich eindeutig zur Dauerbeziehung. Deshalb wird es aller­höchste Zeit, dass ich, bevor sie völlig im Dunst der Vergangen­heit verschwinden, meine Gedanken zu ersten Dates, Kardinalfehlern bei der Partnersuche und hilfreichen Maßnahmen bei der­selben zu Papier bzw. zu Datei bringe. Einen kleinen Anstoß dazu gab es hier http://1000schlechtedates.de/2016/10/01/bitte-nicht-hier-wird-das-1-date-schnell-zum-reinfall/ und hier http://1000schlechtedates.de/2016/03/19/online-dating-und-seine-katastrophen/.

Eigentlich habe ich bei der Partnersuche eine ganz spannende Übergangs­phase mit­be­kommen. Am Anfang dieser Zeit inse­rierte man noch in den Klein­anzeigen der Tages­zeitung. Es war sooo spannend, wenn man die Um­­schläge mit den Zu­­schriften (gern gemein­­sam mit einer guten Freun­din) öffnete. Vor allem, wenn diese Freun­din dann sagte: „Das­­selbe Foto habe ich auch schon bekommen. Und der Brief sieht iden­tisch mit meinem aus.“ Was haben wir doch gelacht! Das ver­­hindert zumindest über­­trieben roman­tische Vor­­stel­lungen im Hin­blick auf die eigene Einzig­­artigkeit.

Als meine letzte Single­phase endete, war schon die Zeit der Internet-Dating­­portale ange­brochen. Die waren meist noch gratis, es gab aber schon sehr große Unter­schiede in der Quali­­tät und der Klien­­tel. Ziemlich gut und angenehm war ein eher regio­nales Portal, bei dem ich recht lange war, bzw. mal war und mal nicht war. Und immer, wenn ich mein Profil wieder akti­­vierte, hingen dort dieselben ver­trauten Figuren rum. Die sich auch zwischen­­durch mal ab- und dann wieder an­­meldeten. Je nachdem, wie es so lief mit den Frauen. Da hat man sich auch mal einfach so sein Herz aus­geschüttet.

Aber was schreibt man denn nun in so ein Profil?

Ein wichtiger Punkt: man sollte ruhig schauen, was die Suchenden des eigenen Ge­schlechts so schreiben. Da muss man gezielt suchen, denn wenn ich als Frau nach einem Mann suche, werden mir natürlich keine Frauen­­profile angezeigt.* Also wusste ich anfangs gar nicht, dass ich nicht die einzige bin, die gern Bezug auf ihr Stern­­zeichen nimmt und einen Mann mit Humor sucht. Während die Männer wiederum nicht wissen, dass die meisten Geschlechts­­genossen, wie sie selbst, an Musik „alles, was gut klingt“ mögen und ebenfalls als Hobbies „Kultur, Spazieren­­gehen, Sport“ angeben. Mal ganz ab­gesehen davon, dass 90 % der Suchenden beider­lei Ge­schlechts als Lebens­­motto „Carpe Diem“ angeben und daher konse­­quent ihre Zeit online ver­daddeln :-).

Ich empfehle beim Aus­füllen des Profils dringend absolute Ehrlich­­keit, denn alles andere ist reine Ver­­schwendung von Zeit und Energie. Es sei denn, man sucht nach einem One-­Night-­Stand mit einem Gegen­­part, der eher nicht zu wechseln­den Bekannt­schaften neigt – dann muss man natürlich lügen, dass sich die Balken biegen…

Ein Freund von mir – begeisterter Skat- und Doppelkopf­spieler, Fußballfan und -stadion­gänger – hatte mal ein Such­­profil, das ich zufällig ge­sehen habe. Und ich war völlig über­rascht, dass von all diesen Dingen nichts in seinem Profil auf­­tauchte. Danach gefragt, ob er sein Leben neuer­dings komplett um­ge­krempelt habe, meinte er, nein, aber man schreibe ja schließ­lich, was die Frauen lesen wollten. Und das sei nun mal nicht Karten­­spielen und Fuß­­ball. Ich finde, soooo schlimm ist Karten­spielen und Fuß­ball nicht, und man möchte doch jemanden kennen­­lernen, der ent­weder die eigenen Hobbies und Vor­­lieben teilt oder sie zumindest bereit­­willig akzeptiert.

Mir hat mal jemand, dessen Profil ich angeschaut, aber für nicht passend befunden hatte, geschrieben „Na toll, erst auf mein Profil gucken und dann keinen Gruß hinter­lassen!“ Ich habe ihm dann ge­schrieben, dass man ja auch erst­mal aufs Profil gucken muss, um zu wissen, ob man schreiben will. Er meinte, das sähe er nicht so, auch wenn die Eigen­schaften über­haupt nicht passten, könnte man es ja doch mal mit einem Treffen versuchen. Der Typ war entweder wirk­lich unter­irdisch dämlich oder extrem ver­zweifelt.

Wirklich nachzudenken, wie man ist und welche Eigen­­schaften man gern von der anderen Seite akzeptiert sehen möchte, birgt auch ein Stück Selbst­­erkenntnis.
Man/frau sollte den Mut haben, bei „Lieblingsmusik“ als Band Ramm­stein anzugeben oder auch klassische Musik (wenn es denn so ist) und bei den Schwächen auch mal was ehrliches von sich zu geben. Wenn sich darauf­hin die Zahl der Zu­schriften um 90 % reduziert, bleiben zumindest die 10 % übrig, die sich von den Angaben nicht ab­schrecken lassen. Das hat doch was …

Was unterscheidet einen denn von anderen Menschen? Wenn jemand Jäger oder Vega­ner ist oder sich poli­tisch enga­giert – dann sollte er das schreiben. Die­jenigen, die mit Jägern oder An­hängern einer bestimm­ten Partei so absolut nichts anfangen können oder am liebsten Manta­­platte essen, bleiben dann gleich weg. Wenn man im Chor singt, deshalb zwei­­mal pro Woche zur Probe muss und an den Wochen­­enden auch mal Auf­tritte hat – das ist doch wichtig für einen poten­­tiellen Partner. Abgesehen davon bieten solche Dinge wesent­lich mehr Gesprächs­­stoff beim ersten Treffen als Charts-Musik und Mainstream-Kino.

Dann stellt sich die Frage, wo(für) man sich beim ersten Date trifft. Menschen treffen sich ja gern im Café oder der Kneipe. Also eine Ver­ab­redung mit Kommu­­nika­tions­­pflicht, ohne jede Flucht­­chance, und versehen mit den Stolper­steinen „wer zahlt?“ und „hoffentlich kennt mich hier keiner“. Klar ist das besser, als sich bei einem Fremden zu Hause einzufinden bzw. einen Fremden bei sich rein­zulassen. Aber man erlebt den anderen eben in einer „Sonder­­situation“. Das ist ja das Manko an der Form der Kontakt­­aufnahme via Inserat – man muss erst die Frage „Be­ziehung möglich oder nicht möglich?“ klären, hat vom anderen aber gar keinen authen­­tischen Eindruck. Das ist etwas anderes, als wenn man je­manden aus dem Kollegen- oder Freundeskreis oder über ein gemeinsames Hobby kennt (da kann man auch gleich ab­checken, ob das auch kein frauen­­mordender Psycho­­path ist).

Ein Treffen auf einen Kaffee hat einen Vorteil: wenn es denn wirklich so überhaupt nicht passen sollte, kann man sich nach einer halben Stunde höflich ver­ab­schieden. Zum Thema Höflich­keit und Rück­sicht­nahme: zwei Dinge gehen meiner Meinung nach überhaupt gar nicht: zum einen (das soll es tat­säch­lich geben) aus sicherer Ent­fernung die Ver­abredung abchecken und dann ent­scheiden, ob man sich zu erkennen gibt oder klamm­heimlich ver­schwindet und sich nie wieder meldet. Soviel Reife im Um­gang mit einem anderen Menschen sollte doch wohl da sein, dass man jemanden nicht einfach so dumm da­stehen lässt. Es sei denn, der andere hat sich als optischer Zwilling von Brad Pitt be­schrieben und sieht aus wie Gollum. Dann hat er es eigent­lich verdient, stehen­gelassen zu werden. Anderer­seits hat er es auch verdient, dass man ihn Auge in Auge fragt, was eigent­lich in seinem Hirn vorgeht. Was auch nicht geht: nach der Be­grüßung sagen „du, das mit dem Kaffee lassen wir besser sein, ich geh‘ dann mal wieder“. Ja, immerhin hat man nicht Variante 1 gewählt, aber mal ehrlich: man hat sich wo­möglich mehrmals hin und her ge­schrieben, dann kann man doch zu­mindest dem anderen 20 Minuten Small­talk bei einem Ge­tränk gönnen. Die meisten von uns ver­geuden so viel Zeit mit anderen un­nützen Akti­vitäten, dann kann es doch daran nicht scheitern. Außerdem übt es fürs weitere Leben.

Vielleicht gehen deshalb Menschen gern zu Frei­zeit- oder Single­­stamm­tischen. Da kann man in Ruhe einen Blick darauf werfen, wie es z.B. jemand mit dem Alkohol­­konsum hält. Ob er eher schüchtern ist oder eine Plauder­­tasche. Und ob er eher small­­talkt oder tief­schürfende Dis­­kussionen bevorzugt. Ob er mit Messer und Gabel essen kann. Uvm.

Da fällt mir eine kleine Anekdote ein: ich war vor kurzem mit einer Freundin verabredet. Wir saßen also in der Kneipe und uns fiel ein, dass dort auch regel­mäßig ein Single­stamm­tisch statt­findet. Der Tisch neben uns war für eine größere Gruppe reser­viert, irgend­wann tru­delten ein paar Leute ein, und wir ver­suchten, anhand ihres Um­gangs mit­ein­ander heraus­zufinden, ob das möglicher­weise genau dieser Stamm­tisch ist. Dann kam die Kell­nerin, und die eine Frau be­stellte eine große Rhabarber­schorle. Wir guckten uns an und sagten uni­sono „das IST der Single­stamm­tisch“. Ja, das war jetzt rhabarberschorlentrinker/innen/feindlich …

Ja, wenn ich es recht betrachte, war das schon eine ganz schön spannende Zeit damals, aber auf der anderen Seite bin ich auch froh, dass sie vorbei ist. Denn wie ein Freund von mir einmal sagte: „es ist so unglaublich an­strengend, immer im Wett­bewerb zu stehen“.

* Nein, jetzt kommt keine politisch überkorrekte Erläuterung dazu, dass der folgende Abschnitt natürlich nicht für gleichgeschlechtlich Suchende passt, das aber nicht als Diskriminierung gemeint ist.

 

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2 Antworten zu Dating in Zeiten der digitalen Omnipräsenz

  1. roerainrunner schreibt:

    Je aktiver die Suche, desto größer der eigene Verspannungsgrad, desto größer die schlechte Aura, die man ausstrahlt, desto weniger fündig wird man 😀

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    • Ätzblogger schreibt:

      Ja, da ist was dran. Aber das ist ja die Kunst: die „ich suche“-Aufschrift auf der Stirn wegzubekommen ;-).

      Man muss sich einfach ganz fest vornehmen, total entspannt zu sein, und sich bei jeder Suche immer wieder sagen, dass man gar nicht sucht, dann klappt das alles :-D.

      Gefällt 1 Person

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