Freilichtmuseum Detmold: Besuch in der Vergangenheit

In unserer nicht allzu fernen Umgebung gibt es ein Ziel, das wir möglichst mindestens einmal im Jahr besuchen: das Freilichtmuseum bei Detmold.

Nachdem meine Tochter dem Kinderalter entwachsen war, musste ich leider feststellen, dass die meisten Leute, die ich kenne, das Museum nur wegen der Kinder angesteuert haben. Wobei die Anlage ohne Autoverkehr, dafür mit Pferde­planwagen und Picknick­plätzen, tatsächlich ein perfektes Ausflugsziel mit Kindern jeden Alters ist.

Es traf sich allerdings, dass der ständige Begleiter genauso gern wie ich dorthin fährt, auch ohne Kind. Er meint zwar, meine Schwäche für alte Bauern­häuser hätte nicht zuletzt damit zu tun, dass ich als Bewohnerin einer Wohnung mit Zentral­heizung leicht reden habe. Aber zum einen bin ich ein Bielefelder Gewächs. Zu meiner Grund­schul­zeit gab es das „alte“ Biele­felder Bauernhaus­museum noch – leider ist es vor einigen Jahren bis auf die Grund­­mauern abgebrannt -, in das so ziemlich jede Grundschul­klasse früher oder später einen Ausflug gemacht hat. Da wurden dann von der „Bauern­haus­frau“ allerhand spannende Geschichten rund um das Leben ohne elek­trischen Strom und flie­ßendes Wasser erzählt. Damals wurden wir Kinder noch einem qual­menden Herd­feuer ausgesetzt und stolperten irgend­wann mit leicht gereizten Augen aus dem Haus. Heut­zutage undenkbar! Zum anderen finde ich, man darf sich ruhig gelegentlich vor Augen führen, mit wie wenig man leben kann, und wie viel Luxus und Komfort uns im Alltag umgibt.

Das Freilichtmuseum ist eine sehr weitläufige Anlage mit verschiedenen Gebäuden oder ganzen Hof­anlagen, von denen viele ganzteil­transloziert sind. Das mit der Ganzteil­trans­lozierung – quasi ein Umsetzen eines Gebäudes im Ganzen – ist eine Sache, die wir ohne die hilfreichen Er­läuterungen im Museum nicht kennen würden. Überhaupt ist das Schöne am Frei­licht­museum, dass es eine Mischung aus „Bleibendem“, nämlich den Anlagen und Gebäuden, zu denen natürlich im Laufe der Zeit auch weitere dazukommen, und wechselnden Themen­aus­stellungen ist. Und in allen Gebäuden gibt es Mitarbeiter/innen, die nicht nur darauf achten, dass niemand was klaut oder sonstigen Unfug treibt, sondern auch sehr auskunfts­bereit sind. So hatten wir rätselnd vor diesem Ding gestanden:

zHandtuchh

(leider hatte ich bei diesem Bild noch nicht daran gedacht, den Aufnahmemodus der Kamera umzustellen, daher ist es etwas unscharf)

Die freundliche Mitarbeiterin erklärte uns, das sei ein Hand­tuch­halter, wie er in alten Bauernhäusern im Koch­bereich hing. Man habe ja ständig die Hände abwischen müssen. Die aufwendige Machart sei darauf zurückzuführen, dass die Gegend, aus der er stammt, eine Drechsler­hochburg gewesen sei; wahrscheinlich sei das gute Stück ein Hochzeits­geschenk gewesen. In einem anderen Gebäude entdeckten wir dann auch ein Exemplar, das mit Handtuch bestückt war:

zHandtuch

Da hatten die alten Bauersleute also schon das, was in modernen öffentlichen Toiletten mit aufwendiger Technik und selbst­aufwickelnd zu sehen ist…

In den sehr detailfreudig hergerichteten Gebäuden gibt es allerhand Informationen über den Alltag vor einigen Jahr­hunderten, zum Beispiel darüber, wie vor über 200 Jahren ein üblicher Speiseplan ausgesehen hat:

zSpeiseplan

Selbst, wenn man sich nicht ganz sicher sein kann, woher die Museums­leute wissen, dass genau die angegebene Woche zutrifft, ist es doch eine interessante Veranschaulichung.

Eines meiner Lieblingsmotive auf dem Gelände sind die „Mäusepfeiler“. Getreide­speicher wurde auf solche pyramiden­förmigen Pfeiler aufgesetzt, um die Vorräte vor Mäusen und anderen kleinen Dieben zu schützen. Die schöne Geschichte konnte ich vor kurzem meinem Bruder erzählen, dem in der Scheune, in der er seine Arbeits­materialien unter­gebracht hat, die Mäuse alles zerfressen hatten…

zPfeiler

Die Ausstellung dieses Jahres hat den leicht anrüchigen Titel „Scheiße sagt man nicht…“. Wir haben uns gefragt, wie man es hinbekommt, das Thema „Toiletten im Wandel der Jahr­hunderte“ halbwegs vernünftig darzustellen – es ist den Ausstellungs­machern gelungen! Jedes nur denkbare Detail, vom Problem, die menschlichen Aus­scheidungen mit auf den Mist­haufen und damit irgendwann als Dünger auf die Pflanzen aufzubringen (menschliche Darm­bakterien schienen schon früher proble­matischer zu sein als Kuhdung), über den Busch, der auf der Rück­seite des Bauern­hauses direkt durch eine kleine Tür für die Bauers­leute zu erreichen war, das Herz­häuschen auf dem Hof, das Etagen­klo (das ich bei meiner Oma in der damaligen DDR noch bis Anfang der 1980er Jahre im Original erlebt habe 🙂 ), bis hin zu neuen und neuesten Entwicklungen auf dem Gebiet der Sanitär­keramik in aller Welt, Wissens­wertem über Stoff- und Wegwerf­windeln, und nicht zuletzt diese unver­zichtbare Information:

zWindelberufe

Natürlich fehlt auch der Museumsshop nicht, in dem man allerhand Kram erstehen kann. Alles in allem kann man einen Besuch in dieser oder einer ähnlichen Anlage wärmstens empfehlen, wenn man Interesse am Thema hat.

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2 Antworten zu Freilichtmuseum Detmold: Besuch in der Vergangenheit

  1. Anonymous schreibt:

    Hallo,
    Wusste nicht, dass dir das so gefällt wie uns. Wir haben da geheiratet.
    Viele Grüße auch an deine Dauerbegleitung.
    A aus Jö

    Gefällt 1 Person

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