Manieren – im Netz und im echten Leben

Im Zusammenhang mit meinem Möbelverkauf, aber auch mit ähnlichen Kontakten, die man zu Fremden hat, habe ich mich die letzten Tage gefragt, ob sich im Umgang der Menschen miteinander über die letzten Jahre etwas grundlegend geändert hat und ob das mit der verstärkten Bedeutung des Internet zu tun hat.

Dass man mit jemandem wegen einer Kleinanzeige hin und her mailt und dann plötzlich keine Reaktion mehr erfolgt, mag ja mittlerweile üblich sein und ist auch kein Drama. Wobei ein „ich habs mir doch anders überlegt“ auch nichts kostet.

Aber noch viel ärgerlicher ist es, wenn Termine ausgemacht werden und die andere Seite dann einfach nicht erscheint. Mein ständiger Begleiter zieht ja aus seiner Wohnung aus, und die Suche nach einem Nachmieter läuft. Und mittlerweile war es gefühlt in mehr als der Hälfte der Fälle so, dass sein Vermieter mit Interessenten einen Besichtigungstermin ausgemacht hatte, mein ständiger Begleiter und sein Vermieter in der Wohnung warteten, und wer nicht erschien, war der Mietinteressent. Das ist umso ärgerlicher, weil der Vermieter extra aus dem Nachbarort anreist, nur um dann unverrichteter Dinge wieder zu fahren.

[Edit: da fiel mir doch nachträglich noch die Geschichte ein, die meinem Bruder passiert ist: er hat eine Gebrauchtwagenbesichtigung in Bremen (!) mit Termin und allem Drum und Dran vereinbart, hat sich von Bielefeld aus auf den Weg gemacht, und als er ankam, wurde ihm kurz und bündig erklärt, der Wagen sei zwischenzeitlich verkauft worden…]

Ist das ein Zeichen unserer Zeit? Sind es vielleicht Auswirkungen der größeren Anonymität, die sich in unser Leben eingeschlichen hat? Natürlich bekommt man auch aus der Zeit vor der Existenz des Internet Situationen wie den Klassiker erzählt, dass z. B. bei Treffen aufgrund von Kontaktanzeigen eine Seite aus sicherer Entfernung auf den/die Kandidaten/in wirft und sich dann schnell und unauffällig verdrückt.

Aber, sagen wir, Bewerber auf eine Stellenanzeige sind doch damals eher nicht sang- und klanglos von Bewerbungsgesprächen weggeblieben? Das ist heutzutage auch normal. Und das in Zeiten, in denen man praktisch jederzeit einen kurzen Anruf oder eine SMS absetzen kann.

Es ist manchmal eine echte Herausforderung, sich nicht von dieser lässigen Unverbindlichkeit anstecken zu lassen. Ich jedenfalls ertappe mich häufiger dabei, dass ich überlege, ob es „ja nicht so schlimm ist“, wenn man grundsätzliche Regeln im Umgang mit unbekannten anderen ignoriert, weil man damit mittlerweile in bester Gesellschaft ist.

Eigentlich finde ich es aber gut, ganz altmodisch daran festzuhalten, dass man bestimmte Dinge im persönlichen Miteinander aufrecht erhält. Dass man Termine, die man nicht einhalten kann, absagt (ich glaube, der verstaubte Begriff „Höflichkeit“ hat was damit zu tun…). Und dass man zu seinem Wort steht, auch wenn man keine einklagbare Verpflichtung eingegangen ist. Ich glaube, das ist gut für das Karma!

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaft abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s