Deal or no deal?

Ich versuche gerade, etwas via Internet zu verkaufen, über ein Kleinanzeigen-Portal.

Und ich kann einfach nicht glauben, wieviel Energie Leute im Vorfeld investieren, um das Für und Wider eines 50-Euro-Kaufs abzuwägen, noch bevor sie die Ware in Augenschein genommen haben. Das ist ja eine Marotte bei vielen: ein mickriges Zeitschriften­abo für 60 Euro im Jahr wird auf Herz und Nieren geprüft, es wird nichts ausgelassen an Rückfragen, ob man denn wohl auch eine angemessene Gegen­leistung fürs Geld bekommt, und ob man auch nicht versehentlich noch eine Niere mit verpfändet. Dieselben Menschen gehen dann in den Elektro­fachmarkt und entscheiden spontan, dass sie doch lieber den Fern­seher für 899 Euro hätten und nicht den für 599, obwohl sie gar nicht genau wissen, wie der Preisunterschied begründet ist.

Man muss doch mal auf die absoluten Zahlen gucken. Das ist ja so eine Sache, die ich – bisher vergeblich – versuche, meiner internet­fernen Mama zu erklären: wenn ich über das böse, feindliche Internet bei einem Onlineshop, dessen Inhaber ich nicht persönlich kenne, etwas, das ich nicht vorher in die Hand nehmen kann, für 29,90 Euro bestelle, dann ist mein Verlust­risiko bei dem Geschäft nicht höher als 29,90 Euro, und das auch nur bei Vorkasse.

In meinem Fall steht ein Bett nebst Lattenrost zum Verkauf. Und die Anzahl an Fragen zu diesem Bett ist beeindruckend…
Angefangen bei „kann man am Preis noch was machen?“. Ich habe „VHB“ angegeben und nicht „Festpreis“, also weiß jeder, dessen IQ ausreicht, um die Frage ein­zutippen, dass man am Preis noch was machen kann, er die Frage also nicht stellen muss. Die klingt ein bisschen wie eine hilflose Kontakt­aufnahme an der Theke, so wie etwa „Na, auch hier?“

Weitere Fragen zu der (bebilderten!) Anzeige waren bisher:

– kann man sich das Bett kurzfristig anschauen (auf meine Antwort, ja, das könne man, habe ich dann keine Reaktion mehr bekommen)

– ob ich weitere Fotos vom Bett schicken kann, man wolle sehen, wieviel Spiel die Matratze bis zum Bett­rahmen hat und wie groß bzw. dick der Rahmen an sich ist (das mit der Matratze konnte man auf den Bildern sehen (wieviel Spiel muss man denn erwarten bei einer 140er Matratze in einem 140er Bett?), und eigentlich war auch sichtbar, dass es sich nicht um eine 30 cm breite Bettumrandung handelt, sondern etwas in handels­üblicher Bretterstärke – ich habe es dann trotzdem nochmal genau ausgemessen)

– wie alt das Bett ist und wie alt der Lattenrost (beim Lattenrost kann ich es noch ein bisschen verstehen, bei einem Massivholzbett ist es im Grunde egal, ob es nun 10 oder 20 Jahre auf dem Buckel hat; dem Lattenrost konnte man ansehen, dass er noch keine Abnutzungserscheinungen hat)

– ob man den Lattenrost in einem PKW transportieren kann (der Lattenrost ist 140 x 200 cm, ich kenne doch den PKW nicht…)

Kritikpunkte, deren Erwähnung ich erwarte, wenn tatsächlich jemand zum Anschauen kommt:

– das Bett hat Gebrauchsspuren (klar, deshalb soll es ja auch nur ein Viertel des Neupreises kosten)
– das Holz ist nachgedunkelt
– das hätte man sich aber irgendwie anders vorgestellt

Ich möchte den Leuten eigentlich in Schriftgrad 48 schreiben bzw. in ohrenbetäubender Lautstärke zubrüllen „Handle mich doch einfach auf 25 Euro runter! Mit einem funktio­nierenden Möbel, für das man 25 Euro zahlt, kann man schlichtweg nichts falsch machen! Ich will doch nur die Kosten für die Sperrmüllabholung sparen! Wenn du einsam bist und mit jemandem reden willst, mach das, aber bitte nicht mit mir über dieses Sch…bett!“

Oder bin ich unfair und verkopft und unterschätze einfach die emotionale Beteiligung beim Kauf eines gebrauchten Bettes? Müssen die potentiellen Käufer eine Zeitlang – zumindest virtuell – schnuppernd und stupsend um das Objekt herumschleichen und sich ganz intensiv mit der Frage befassen, ob sie ihre persönlichsten Träume in diesem Bett träumen wollen, in dem schon andere Menschen andere Träume geträumt haben? Und erst recht, ob sie in einem Bett wache Zeiten verbringen wollen, in dem auch schon andere Menschen wache Zeiten verbracht haben… Fragen über Fragen…

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