Sie nehmen uns unser schönes Bargeld weg!

Im Moment schlagen die Wellen hoch, weil Finanzminister Schäuble eine Obergrenze für Barzahlungen in Deutschland ins Gespräch gebracht hat. Seit dieses Begehr öffentlich ist, überschlagen sich die empörten Kommentare dazu. Ganz grundsätzlich: ich finde es auch gut, wenn solche Reglementierungen nicht vorgenommen werden, einfach weil ich mir nicht vorschreiben lassen will, in welcher Form ich was bezahle. Und ob wir den Terrorismus ausgerechnet dadurch wirksam bekämpfen, dass wir Bar­zahlungs­ober­grenzen in Deutschland einführen, sei auch dahingestellt. Aber einige Fakten scheinen, wie in solchen Fällen von kopflosem Lamento üblich, in den Hinter­grund geraten zu sein:

In den meisten anderen EU-Ländern gibt es schon lange Obergrenzen für Barzahlungen. Diese liegen zum Teil sogar erheblich unter den ins Gespräch gebrachten 5.000 Euro.
Und auch in Zukunft wird niemand überhaupt auch nur mitbekommen, wenn zwei Privatpersonen untereinander Bargeldsummen hin und her schieben, egal in welcher Höhe.
Alle tun im Moment so, als wäre es das normalste der Welt für sie, dauernd mit mehreren tausend Euro in der Tasche in der Gegend herumzulaufen und Kunstwerke oder und Gebraucht­autos bar zu bezahlen. Angesichts der jährlichen Anzahl der Privatinsolvenzen, der Diskussionen um Mindestlöhne und Altersarmut und Hartz4 ist das kaum vorstellbar.

Meist ist es doch genau umgekehrt: man muss sich nur mal an eine beliebige Supermarkt­kasse stellen. Die Scheckkarte kommt schon bei Kleinst­­beträgen zum Einsatz. Kunden beschweren sich ja sogar, wenn Märkte eine Unter­grenze für Karten­zahlung festgelegt haben, weil sie (die Kunden) darauf bestehen, auch 8,93 Euro noch per Karte zu bezahlen. Und es macht ihnen überhaupt keine Sorge, dass durch ihre Karten­zahlung jeder einzelne Artikel auf dem Kassenbon ihnen persönlich digital zuzuordnen ist. Es ist heute schon möglich, nachzuhalten, wieviel billigen Weinbrand Herr Müller wann kauft und dass Frau Meier neuerdings die Groß­packungen Kondome besonders belastbar im Einkaufswagen hat.

Und wenn in der Pizzeria die Rechnung über 23,50 Euro für zweimal Calzone und drei Bardolino kommt, wird mit großer Geste die Kreditkarte gezückt. Wo doch jeder Krimigucker weiß, dass einem solche Bewirtungs­abrechnungen das Genick brechen und das Alibi zerstören können.

Aber genau diese Menschen beharren jetzt darauf, dass es ein unzumutbarer Eingriff in ihre Privatsphäre ist, wenn sie zukünftig (offizielle!) Zahlungs­geschäfte über 5.000 Euro nur noch unbar vornehmen sollen.

Das ist doch völlig absurd! Wie gesagt: natürlich ist Überwachung immer mit dem Risiko verbunden, dass mit den gesammelten Daten Schindluder getrieben wird. Je weniger Überwachung, desto mehr persönliche Freiheit. Wieviel persönliche Freiheit und damit Risiko von Missbrauch dieser Freiheit jede Gesellschaft verträgt, ist sicher diskussionswürdig.

Aber die allermeisten von uns lassen sich schon jetzt bereitwilligst überwachen. Sie liefern ihre persönlichen Daten ab, damit sie bei der Treuepunkte-Aktion im Supermarkt bloß das 6er Gläserset Capri – hergestellt in Bangladesh und bei nicht so genauem Hinsehen glatt mit Qualitäts­ware zu verwechseln – für lau bekommen, weil sie nachweislich innerhalb von 6 Monaten für mehr als 500 Euro in dem Laden eingekauft haben.

Wir können alle ganz beruhigt sein: auch zukünftig wird es möglich sein, dem Handwerker 5-stellige Summen in bar zu bezahlen, wenn sich beide Parteien einig sind, dass man das Ganze nicht so gern über das Konto laufen lassen möchte… Und wie bisher wird auch weiterhin für diese Geschäfte gelten, dass keine der Parteien bei Reklamationen oder Zahlungsverzug den Klage­weg beschreiten kann, weil beide dann wegen Steuer­hinterziehung dran wären. Und die Reichsten der Reichen werden auch weiterhin Wege finden, schmutziges Geld für exorbitant teure Luxus­waren auszugeben, ohne dass der Fiskus davon etwas mitbekommt.

Also bleibt doch alles beim alten.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemeines abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s