Von Fugenhaien und Fehleinschätzungen

Heute gibt es mal einen Erfahrungsbericht aus der bunten und manchmal des­illusio­nierenden Welt des Heimwerkens.

Die Dusche in meiner Wohnung ist 15 Jahre alt, die dazugehörigen Fugen auch. Und die sahen jetzt nicht mehr schön aus. Gegen Schimmel kann man ja noch mit Schimmel­vernichter vorgehen; aber die Fugen waren zum Teil auch schon etwas bröselig, und zumindest an einer Stelle war auch klar, dass Wasser durch die verbröselte Fuge nach außen durchlief. Was tun? Der erste Gedanke ist meist der beste, und der hieß bei mir: „Hand­werker bestellen, Fugen neu machen lassen, Rechnung bezahlen“. Ich halte viel davon, Handwerks­arbeiten auch von Hand­werkern erledigen zu lassen, und das nicht nur, weil ich aus einer Handwerker­familie stamme. Profis benötigen meist nur einen Bruch­teil der Zeit, die man selber als Laie braucht, und das Ergebnis kann sich in aller Regel entweder sehen oder reklamieren lassen. Wenn man also nicht gerade aus reiner Lieb­haberei hand­werkert oder vollkommen pleite ist, ist der Fach­mann (resp. die Fach­frau) fast immer die bessere Alternative.
Und die Arbeitskosten des Handwerkers lassen sich auch noch steuerlich geltend machen, nämlich in Höhe von 20 % der Kosten, die direkt von der Steuer­schuld abgezogen werden können.

Wie gesagt, der erste Gedanke war gar nicht so verkehrt – ich hätte ihn einfach umsetzen sollen. Habe ich aber nicht. Stattdessen habe ich mir einige Videos und Heimwerker-Ratgeberseiten angeguckt, denen zufolge ein Austauschen der Silikonfugen für durch­schnittlich begabte Menschen überhaupt kein Problem darstellen sollte. Ich kann Möbel aufbauen, Teppichboden verlegen und Fahrradreifen austauschen, also habe ich mich den durchschnittlich Begabten zugerechnet. Und sich mal kreativ einzubringen ist ja auch nicht verkehrt.

Eigentlich wäre das Ergebnis nicht schlecht gewesen, wenn ich nur alle Ratschläge befolgt hätte.

Zunächst einmal wurde geraten, nicht mit einem Cuttermesser, sondern mit einem speziellen Fugenentferner zu arbeiten. Es gibt zum Beispiel Dinger namens „Fugenhai“ – der Vorteil gegenüber dem Arbeiten mit einem Cutter­messer soll u. a. sein, dass die Klinge länger ist, man besser in den Ecken schneiden kann, und das Ding insgesamt im Handling besser ist. Zum Glätten der Fugen wird dringendst ein Fugenglätter empfohlen – wenn der denn nun gar nicht zur Hand sein sollte, kann man der Ratgeberseite zufolge auch mit dem Finger und Spülmittelwasser die Fuge glattstreichen, aber – nochmal der eindringliche Hinweis – man möge doch  besser den Fugenglätter verwenden. Sowohl so ein „Fugenhai“ als auch ein Fugen­glätter sind günstig zu erwerben und wahrscheinlich in jedem Baumarkt vorrätig.

Nun denn, ich hatte sehr lange über die vergammelten Fugen nachgedacht und dann spontan beschlossen, sie kurzfristig auszutauschen. Also ab in den Baumarkt. Dort fand ich auf den ersten Blick weder Fugen­entferner noch Fugen­glätter, und auch kein Personal, das ich hätte fragen können. Nun bin ich von der Natur nicht mit allzuviel Geduld gesegnet (normaler­weise schiebe ich das auf mein Stern­zeichen); auch das minutiöse Vorbereiten von Dingen gehört nicht zu meinen Stärken. Dafür bin ich gut im spontanen und schnellen Ent­wickeln von Lösungen. Fugen in Duschen erneuern erfordert doch eher eine Stärke im minutiösen Vor­bereiten, wie ich jetzt weiß.

Ich hatte keine Lust, nach einem harten Arbeitstag im öffentlichen Dienst noch einen zweiten Baumarkt anzusteuern, in dem ich wohl das benötigte Klein­werkzeug bekommen hätte, und bin mit zwei Kartuschen Sanitär­silikon – weiß und grau – abgezogen. Immerhin habe ich daran gedacht, pilzhemmendes Sanitärsilikon zu wählen.

Also frisch losgelegt. Beim Rausschneiden der Fugen mit dem Cuttermesser wurde mir sofort klar, wieso ein spezieller Fugenentferner empfohlen wird. Aber was sollte ich tun – ich saß also in meiner bröseligen, fleckigen Dusche und schnitt und zupfte an den verblüffend hartnäckigen Silikon­abdichtungen herum. Ich war sehr beeindruckt, wie gigantisch groß die Lücken waren, die mit dem Silikon ursprünglich abgedichtet worden waren.
Dann war erstmal Schimmelvernichter in die Fugen sprühen und 24 Stunden Warten angesagt. Die Zwischenzeit habe ich genutzt, um wie empfohlen Maler­krepp entlang der Fugen zu kleben, damit nicht allzuviel verschmiertes Silikon auf den Fliesen landet.
Ich habe nämlich leider ein Kleckerproblem. So begeistert ich auch Dinge tue, ich schaffe es nie, sie auch nur halbwegs kleckerfrei hin­zu­bekommen. Beim Streichen muss ich zwingend alle Oberflächen abdecken und selbst von der Kopf­bedeckung bis zur ausgedienten Brille vorsorgen; der erste Pinsel­strich ist noch nicht gezogen, ohne dass ich schon anfange, alles vollzutropfen. Und wenn irgendwo eine Lücke in der Abdeckung ist, kann ich sicher sein, dass ich sie treffe. In meiner aktiven Kanuzeit konnte keine Wander­fahrt so gemächlich und kein Gewässer so ruhig sein, als dass ich es nicht geschafft hätte, mit dem Paddel liter­weise Wasser ins Boot zu schaufeln.

Die 24 Stunden waren um, der Schimmelvernichter soweit abgetrocknet. Zeit für die Silikonkartuschen. Ich habe fleißig drauflos­gespritzt und riesig dicke Silikon­wülste in den Fugen platziert. Beim Glätten dann das zweite Aha-Erlebnis: der fehlende Fugen­glätter. Immerhin hatte ich daran gedacht, vorher schon Wasser mit Spülmittel vorzubereiten und auch einen Schutz­handschuh anzuziehen. Es stellte sich heraus, dass das Glätten von Fugen mit der Hand eine Riesen­sauerei verursacht, insbesondere, wenn man viel zu viel Silikon aufgetragen hat. Außerdem ist „glatt“ dann auch relativ – meine Fugen tragen jetzt eher ein Wellenmuster. Ich fing an, das überschüssige Silikon mit Küchenkrepp von dem Handschuh zu entfernen, und verschmierte mir dabei komplett die andere Hand, an der ich keinen Handschuh trug. Das Maler­krepp habe ich direkt nach dem Glätten abgezogen, weil ich verhindern wollte, dass das durchgetrocknete Silikon später daran hängenbleibt und hässliche Abriss­kanten entstehen. Das ist auch voll und ganz gelungen – und das mit Silikon zugeschmierte Maler­krepp geriet beim Abziehen sowohl an die Fliesen als auch in die Duschtasse, so dass jetzt überall Silikon­schmier verteilt ist. Unnötig zu erwähnen, dass das nur mit dem grauen Silikon passiert ist – das weiße hat überhaupt nicht gekleckert und ließ sich auch viel besser glätten.

Jetzt habe ich also eine Dusche, der man ansieht, dass jemand mit mehr Begeisterung als Geschick vorgegangen ist, und mit Silikonfugen, die eine derartig unebene Oberfläche haben, dass der Besiedelung mit neuen Schimmelpilzen nichts mehr im Wege steht:

DSCF0824_1von weitem betrachtet gar nicht mal so schlecht 🙂
DSCF0826_1Das mit dem Glätten hat nicht ganz geklappt, und schmierfrei ist es auch nicht…
DSCF0827_1Die neue Fuge ist eine Spur breiter als die alte…

Trotzdem fand ich es in Ordnung, das Ganze selbst auszuprobieren. Denn zum einen kann man Dinge eigentlich nur beurteilen, die man selbst gemacht hat.
Ich HASSE es, wenn Leute einem so etwas sagen wie „Du, Laminat verlegen ist total einfach, wir haben das an einem Wochenende geschafft“. Und wenn man dann genauer nachfragt, haben sie natürlich nicht selbst verlegt, sondern ein Bekannter, der einen kennt, der semi­professioneller Laminat­verleger ist und die Feder­führung bei der Aktion hatte. So ziemlich alles ist total einfach, wenn man es kann.

Und solange man missglückte Handwerksaktionen dann doch vom Profi gegen Geld richten lassen kann, ist ja alles halb so schlimm. Starkstrom- und Maurerarbeiten zum Beispiel eignen sich ja wesentlich schlechter für laienhafte Handwerks­versuche als Dusch­fugen erneuern oder Tisch­platten ab­schleifen.
Alles in allem bin ich aber doch ein bisschen stolz auf meine garantiert unverwechselbaren Duschfugen.

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2 Antworten zu Von Fugenhaien und Fehleinschätzungen

  1. smamap1 schreibt:

    Dem gibt es nichts hinzuzufugen ….. äh fügen

    Gefällt mir

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