Kassenunterschiede

Das Warten an der Supermarktkasse bietet reichlich Gelegenheit zum Philosophieren, auch und gerade über das menschliche Miteinander, man kann über Tun oder Lassen (siehe „2. Kasse bitte!“ hier) nachdenken, oder auch einfach einen kurzen Blick in das Leben anderer Menschen werfen. Man kann sich gut die Zeit vertreiben, indem man versucht, Rückschlüsse aus dem zu ziehen, was andere so auf die Kassen­bänder legen. Manchmal sind die Rückschlüsse vielleicht etwas weit hergeholt, aber dann wiederum kann man über den eigenen Umgang mit Vorurteilen nachdenken.

Der beste Begleiter der Welt und ich planen schon seit langem, ein Arrangement aus Sekt, Kondomen, mehreren Dosen Sprühsahne, einer Palette Energy­drinks und einer Groß­packung Küchentücher aufs Kassenband zu legen und uns dann an den Gesichtern der Kunden hinter uns zu erfreuen. Haben wir bis jetzt aber noch nicht umgesetzt.

Einem Freund von mir ist es vor vielen Jahren mal passiert, dass er seine Einkäufe auf das Kassenband legte, und die ältere Dame hinter ihm schaute ihn mitfühlend an und sagte „Sie sind allein­stehend, oder?“ Womit sie genau richtig lag.

Es gibt traurige Einkäufe, wie zum Beispiel die 200-g-Packung Billigfleischwurst mit dem Paket Billig­brot, einer Flasche Weinbrand und 5 Pils in Plastikflaschen.

Oder auch die, bei denen man sich denkt „ungefähr 80 % dieser Produkte sind vollkommen unnötig, unsere Lebensmittelpreise sind also offenbar bei weitem zu niedrig.“ Ich finde, es ist ein gutes Zeichen für unsere sozialen Sicherungs­systeme, wenn so viele Menschen sich so unnütze Lebens­mittel leisten können.

Da legen Kunden nicht eine einzige Sorte Obst oder Gemüse aufs Band, nicht einmal rohes Fleisch, sondern ausschließlich hochverarbeiteten Kram wie fertige Currywurst (können die nicht mal eine Bratwurst in die Pfanne schmeißen und sich mit Ketchup und Currypulver bevorraten?) oder TK-Bratkartoffeln (da muss man gar nichts mehr kommentieren), aromatisierte „Cappuccino“-Getränke­pulver mit 26 Inhalts­stoffen, davon 16 im Fettdruck, weil sie potentiell problematisch sind, irgendwelche übersüßten Getränke mit 2 % Tee-Anteil, oder Kuchenback­mischungen, denen man alles außer Mehl, Backpulver und Zucker noch hinzufügen muss. Und den Müll essen sie, während sie Koch­shows im TV gucken.
Kunden mit jüngeren Kindern nehmen gern auch noch kleine Joghurt-Imitate aus Frischkäse („so wertvoll wie ein kleines Steak“), Bärchen­streich­wurst (ein ganz besonders sinn­freies Produkt, weil das Bärchen­motiv ja nicht mal auf dem Brot landet – außerdem: wie verpeilt muss man eigentlich sein, seinem Kind anzugewöhnen, ständig in putzige kleine Bärchen­gesichter zu beißen?), eine Groß­packung Schoko­riegel mit extrazarter Milch­creme­füllung, dann noch ein paar schöne Packungen H-Milch und, fürs gesunde Frühstück, ein paar leckere „Cerealien“, auf dass die Kleinen unter Zuckerschock in der KiTa oder Schule nicht zu bändigen sind. „Halt!“ möchte man da rufen, „eine Packung Hafer­flocken und irgendwas aus der Obst­abteilung ist doch viel billiger als der Kram! Und gesünder! Und die Kinder essen es trotzdem! Selbst wenn ihr Pfirsiche aus der Dose über die Haferflocken schnippelt – das ist immer noch besser als der Schrott, den ihr da für teures Geld in euren Wagen ladet!“

Da sehen die Einkäufe unserer gern geschmähten muslimischen Mitbürger oft ganz anders aus. Unmengen an frischem Gemüse, gern auch hochwertige Milch­produkte und ein bisschen was an Geflügel – das lässt einen nach­denklich werden, was unsere deutsche „Esskultur“ angeht.

Manchmal aber denkt man beim Anblick der Einkäufe auch einfach nur „hey, ein Kindergeburtstag“ oder „oh, Abendeinladung mit mediterranem Büffet“.

Ich bin ebenfalls schon mal angesprochen worden von jemandem, der offensichtlich auch gern über die Einkäufe anderer Menschen nachdachte. Ich weiß nicht mehr, was meine Einkäufe genau waren, es waren irgend­welche Dinge, die überhaupt nichts miteinander zu tun hatten, so etwas wie Kugel­schreiber und Tiefkühl­pizza oder Götter­speise und Bier. Man zeigte sich überrascht, wofür ich denn genau die Kombination dieser Dinge bräuchte. Letztlich war es aber einfach so gewesen, dass ich wegen des einen nochmal losgefahren war und das andere mehr im Vorbei­gehen mitgenommen hatte.

Eine interessante Situation bei der Kassenwahl ist „diese Kasse wird geschlossen“. Zumindest in meinem bevorzugten Discounter (der am schnellsten zu erreichen ist und außerdem schon seit jeher auch Markenprodukte anbietet – ein Grund für mich, nie richtig warm zu werden mit der Mutter aller Discounter­ketten, bei der man „all die“ günstigen Dinge bekommt).

Bei meinem Haus- und Hof-Discounter gibt es es keine Leuchtanzeigen über der Kasse, die anzeigen, ob sie auf, zu oder kurz vor zu ist. Ich glaube, das haben auch nur die echten Supermärkte, die auch Hinter­grundmusik haben und bei denen die Ware nicht im Umkarton in die Regale gestellt wird.
Bei uns jedenfalls bekommt irgendwann ein Kunde das Schild „bitte hier nicht mehr anstellen“ in die Hand gedrückt mit der Bitte, es doch hinter seiner Ware aufs Band zu stellen. Nun tun meist die Kunden nicht, was man ihnen sagt – sie stellen das Schild nicht hinter ihren Einkäufen aufs Band, sondern ganz hinten auf die Umrandung (oder wie nennt man das?) der Kassenbandanlage.

Richtig aufmerksam geworden bin ich auf diesen Umstand (also darauf, dass die Kassie­re­rinnen wirklich meist „Band“ sagen und meinen, und dass die Kunden es fast immer anders machen), als ich mal im Markt stand, mit halbem Ohr an der Nebenkasse „könnten Sie das Schild bitte hinter sich aufs Band… usw.“ hörte, und einige Sekunden später aufgeschreckt wurde.
In einem waschechten Kasernenton – wer es kennt: ungefähr so wie die Feldwebelin und der Schütze in der Serie „Sechserpack“; wer es nicht kennt: einfach per Such­maschine suchen – blökte die Kassiererin einen verschreckten Kunden an: „WAS an dem Satz ,bitte stellen Sie das Schild aufs Band‘ haben Sie nicht verstanden??? Wenn ich ,auf’s Band‘ sage, meine ich ,auf’s Band‘, und nicht dahinter!“. Ich war sehr erheitert, der Kunde ent­schuldigte sich und stellte das Schild kleinlaut auf das Band.

Seitdem ist mir klar, warum das Schild AUF das Band soll. Denn wenn es HINTER dem Band steht, animiert das dick­fellige Kunden dazu, es einfach zu ignorieren und ihren Kram auf das ja nun zunehmend freie Band zu legen. Und anstatt die Augen aufzuhalten und diese Kunden darauf hinzuweisen, dass da ein Schild steht und sie ihr Zeug wieder einpacken sollen, kassieren die weichherzigen Kassie­rerinnen meist diese Kunden auch noch mit ab.
Ein Beleg für die These „frech kommt weiter“. Und ärgerlich für Menschen wie mich, die das Schild selbst­redend beachten.
Der zweite, noch viel bessere Grund, das Schild zu ignorieren, ist dieser: nachdem sich tatsächlich alle Kunden an die Neben­kasse anstellen, an der es nun richtig voll ist, hört man von der eigentlich geschlossenen Kasse nebenan: „Sie können ruhig noch zu mir rüber­kommen!“ Ja, ganz toll, so sorgt man jedenfalls nicht für Disziplin im Kassenbereich!

Kassenschlangen sind ja überhaupt der einzige Grund, gemeinsam als Paar einkaufen zu gehen. Meist landet mein Begleiter früher oder später* in der Abteilung Zeitungen/­Zeit­schriften und schmökert ein bisschen in den Herren­magazinen (sprich: Computer­zeitschriften) – da stehen und schmökern ja praktisch immer nur Männer –, während ich einkaufe und ihn gegen Ende aus dieser Erwachsenen-Variante des Möbelhaus-Bällebades abhole.
Aber zurück zu dem Grund für das zu-zweit-Einkaufen­gehen: an der Kasse kann er sich nämlich schon in die Schlange einreihen, während ich die letzten Einkäufe zusammen­sammle. Und dann denkt man: Steuerklasse hin, Witwenrente her – Zeit in der Kassenschlange sparen, das ist ein Heiratsgrund!

* der Begleiter legt Wert auf die Feststellung, dass es sich praktisch immer um „später“ handelt; er möchte dem Eindruck entgegentreten, er gehe überhaupt nur mit zum Einkaufen, um Zeitung zu lesen. Das tut er natürlich nicht, wir erledigen den Großteil des Einkaufs gemeinsam und mit niemandem würde ich lieber einkaufen als mit ihm! 🙂

 

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4 Antworten zu Kassenunterschiede

  1. smamap1 schreibt:

    Dem allen kann ich nur zustimmen. Ev. ergänzt um die Tatsache, dass der Discounter meiner Wahl eine Bandansage hat (die natürlich heute nicht mehr vom Band kommt), mittels derer der Kunde darauf hingewiesen wird, dass in „Kürze die Kasse X öffnet“ und man die Ware schon mal auf´s Band legen könne.

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    • Ätzblogger schreibt:

      Oh, das ist ja doll. Hat meiner nicht.
      Nur geheime Klingelzeichen für „kann mal noch einer eine Kasse besetzen?“, „mach doch mal einer den Wegwerfpseudopfandflaschenautomaten leer“ oder wahrscheinlich auch „ich mach gleich Pause“. Als Kunde versucht man, rauszufinden, welches Klingelzeichen welche Botschaft hat :-).

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  2. Bärbel Beuchler schreibt:

    Den Beobachtungsfaden kann man noch weiterspinnen, vor allem in Sachen Fertiggerichte. Wer heute kochen kann, gehört ja schon zu den Privilegierten unserer Gesellschaft. Was wir ganz automatisch von Oma oder Mama gelernt haben – wie kocht man Kartoffeln oder brät Eier – findet in den meisten Küchen nicht mehr statt. Wobei es gerade dem schmalen Geldbeutel der Fastfood-Esser guttun würde, mal eine Kartoffelsuppe zu machen oder Linseneintopf. Quark mit Kartoffeln, Kartoffelpuffer sind für junge Leute heute unüberwindbare Hürden. Woher soll’s auch kommen, wenn die Elterngeneration das schon nicht mehr kann.😩 Ich gebe aber die Hoffnung nicht auf, dass sich das wieder ändert, denn ich kenne eine ganze Reihe Mittzwanziger und Dreißiger, die ein Faible für Selbstgemachtes haben und echte Nahrung zu sich nehmen.😊

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    • Ätzblogger schreibt:

      Ja, das stimmt voll und ganz. Ich glaube, es gibt auch mittlerweile häufiger Kochkurse, die eben nicht exotische 5-Gang-Menüs zum Thema haben, sondern ganz simple Koch-Grundfertigkeiten vermitteln. Und es sollte sich auch niemandem, ob Männlein oder Weiblein, peinlich sein, in so einem Kurs das zu lernen, was eigentlich zu Hause „vererbt“ werden kann. Und das mit dem Weitergeben an die Kinder geht auch, wenn man berufstätig ist – in jedem Haushalt wird gekocht (und wenn’s nur am Wochenende ist), und man muss nur die nötige Geduld aufbringen, den Nachwuchs auch mal was schief schnippeln zu lassen oder auch gelegentlich ein unperfektes Essen ertragen :-).

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