Alles nur geklaut

Ich habe es getan – ich habe einen „Beratungsklau“ begangen. Genaugenommen keinen richtigen Beratungsklau, weil ich keine Beratung hatte. Aber, sagen wir, ich habe Einzelhandelsflächen-Parasitentum betrieben.

Ich habe im Laden eine Jacke anprobiert und fand sie toll, der – schon reduzierte – Preis war allerdings mit meinem Budget nur bedingt vereinbar. Mein erster Plan war, engmaschig den weiteren Rabatt­verlauf für die Jacke während der Sommer­schluss­verkaufs­zeit zu verfolgen und zu gegebener Zeit zuzuschlagen. Meist ist natürlich das Problem, dass die gewünschte Größe weg ist, bevor der passende Preis auf dem Etikett steht. Auf dem Nachhause­weg kam mir der Gedanke, dass ein Blick ins Netz bei den Online­händlern auch lohnens­wert sein könnte. Und siehe da – die Jacke wurde für sagenhafte 40 Euro billiger angeboten. Geklickt, gekauft, erhalten. Ich bin dann einen Tag später trotzdem nochmal in dem Laden gewesen und habe fest­gestellt, dass die Jacke in meiner Größe nicht mehr da war. Ich hätte sie also gar nicht mehr dort kaufen können… Das hat mich ein bisschen beruhigt, weil, „Geiz ist geil“ hin oder her, man das, was man bekommt, auch bezahlen sollte. Und zu dem, was man „bekommt“, gehört auch das Anprobieren, Unter­suchen und „Begreifen“ im Wort­sinn. Und ich hätte genau diese Jacke nie gefunden, wenn ich nur aufgrund von Ab­bildungen im Netz ent­schieden hätte.

Allerdings habe ich mir vorgenommen, den echten, „vorsätzlichen“ Beratungsklau auch künftig zu vermeiden. Wer den begeht, der ist im Einzel­handel noch etwas unbeliebter als Genital­herpes oder schlimmer Mund­geruch. Der Beratungsdieb geht in den Einzel- bzw. Fach­handel, lässt sich eingehend beraten und nimmt die infrage kommenden Angebote direkt in Augen­schein, um dann mit einem freundlichen Danke­schön den Laden zu verlassen und das Produkt für 10 % weniger im Netz zu kaufen. Er entblödet sich auch nicht, das Etikett mit dem Handy ab­zu­foto­grafieren, damit er nicht wegen mangelnder Gedächtnis­kapazität den falschen Artikel im Netz kauft. Oder er hält nach erfolgter Beratung dem Einzel­händler den Ausdruck des Angebotes von http://www.supermegabillig.de (oder so) unter die Nase und verlangt, dass der Händler sich auf den gleichen Preis einlässt. Nun kann man einwenden „jeder muss sehen, wo er bleibt“. Aber der niedergelassene Händler muss nun mal die Kosten für Laden­fläche, Personal und sonstiges über seine Preise hereinholen. Dass jemand billiger anbieten kann, der einfach nur eine günstige Halle in einem Gewerbe­gebiet für Lagerung und Versand angemietet hat, liegt auf der Hand.

Ja, ich bin in einer „analogeren“ Zeit aufgewachsen und vielleicht etwas altmodisch, was mein Kaufverhalten angeht.
Aber betriebswirtschaftliche Realitäten wie z. B. dass, wer mit seinem Unternehmen Geld verdienen will, mittelfristig alle Kosten über den Verkauf­spreis decken muss, sind ja keine Zeitgeistfrage.

Jetzt den alten Cree-Spruch mit den Bäumen, den Flüssen, den Fischen und dem Geld auf den Einzelhandel umzumünzen wäre ein bisschen platt. Aber ich bin überzeugt, dass sehr viele Konsumenten nicht darüber nachdenken, dass das eine mit dem anderen zusammen­hängt: wenn nur genügend Menschen konsequent genug den Einzel­handel vor Ort nur noch als Gratis-Beratungs­stelle nutzen, wird ein Laden nach dem anderen verschwinden.
Und irgendwann jammern womöglich genau diese Menschen am lautesten, dass es doch sehr umständlich ist, wenn man Dinge nur im Netz kaufen kann. Weil doch das Einkaufs­erlebnis so gar nicht mehr da ist. Wenn dann der Paket­dienst mit der Lieferung kommt, ist man immer gerade nicht zu Hause, und bei Nicht­gefallen muss man den Kram eigens wieder zur Post schaffen.
In anderen Bereichen des Lebens sind dieselben Leute interessanter­weise nicht so knickrig. Keiner kommt auf die Idee, dass man ja gar nicht in die Kneipe gehen muss, sondern sich doch auch Getränke billig im Netz ordern und zu Hause trinken kann. Nein, man geht in eine hippe Location und bezahlt bereitwillig über den Getränke­preis die Bedienung, die Deko an der Wand und die chillige Hinter­grund­musik (und natürlich das SUV und das Eigen­heim des Betreibers). Aber wehe, das Luxus­handy kostet im Laden in bester Innenstadtlage 20 Euro mehr als im Online­shop des Anbieters aus der mecklenburgischen Tief­ebene. Das geht natürlich nicht!

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