Mal was richtig Verrücktes machen!

Es gibt ja Leute, die andere gern darauf hinweisen, wenn sie etwas Ungesundes tun oder sich einer Gefahr aussetzen. Jede/r Raucher/in ist bestimmt schon mehr als einmal beglückt worden mit einem „gesund ist das aber nicht!“ oder einem launigen „na, erstmal einen schönen Lungentorpedo? Der Raucherkrebs lässt grüßen!“
Bei Radfahrer/inne/n und Helmen ist es ähnlich. Wer ohne Helm fährt (womöglich noch in Begleitung eines Kindes!) oder ein paar Meter vor dem Ziel den Helm abnimmt, damit die verschwitzten Haare sich vom Kopf lösen können, macht sich praktisch zu Freiwild für – vorzugsweise wildfremde – Menschen, denen selbstredend etwas Kluges über Helme, Gehirne und Schädelbrüche einfällt.

Aber ich will gar nicht über das Für und Wider von Fahrradhelmen schreiben. Sondern über ein merkwürdiges Phänomen, was ebendieses Belehren von anderen Menschen angeht. So offen nämlich die Ansprache ist, die sich in puncto Fahrradhelme oder Rauchen jeder gegen­über den „Missetätern“ leistet, so kategorisch ausgeschlossen ist sie bei anderen „Sünden“. Warum ist das so?
Nehmen wir mal übergewichtige Menschen. Wenn die im Restaurant nach der Dessertkarte fragen, würde niemand mit einem Augenzwinkern sagen „na, besser wäre wohl ein schwarzer Kaffee, gell?!“ Oder dem dicken Menschen, der sein Insulinbesteck hervorholt: „wenn du 30 kg abnehmen würdest, könntest du vielleicht mit der Insulinspritzerei aufhören“. Undenkbar, so etwas zu sagen! Schwerste Grenz­überschreitung!
Oder Alkohol. So, wie man die Raucher auf die gesundheitlichen Folgen ihres Handelns anspricht, müsste man ja auch jemanden, der mindestens schon das 3. Bier über den Durst bestellt, besorgt fragen können, ob das denn so gut für die Leber ist, und ob es denn nicht vielleicht lieber ein Wasser oder eine Cola sein soll.
Macht man aber nicht. Weil das, genau wie das Essen, ein Tabu ist.

Ich habe mich lange gefragt, wo diese scharfe Grenze herkommt, die wir zwischen „das wird man ja wohl noch kommentieren dürfen“ und „das ist viel zu persönlich“ ziehen?
Wenn es die zwischen Sucht und Nichtsucht wäre, könnte ich es verstehen. Weil man dem Süchtigen gegenüber taktvoll ist, denn Abhängigkeit ist ja eine Krankheit. Aber das würde die Raucher auch einschließen.
Oder wenn es um die Vorbildfunktion gegenüber Kindern ginge. Dann müsste man allerdings allen vier Übeltätergruppen ins Gewissen reden.
Der Schaden oder die Gefährdung für andere kann auch nicht ausschlaggebend sein. Dann wären es nur die Raucher, denen man das Belasten ihrer Umwelt vorwerfen kann. Helmlose Rad­fahrer gefährden nur sich selbst, zu-viel-Esser ebenfalls.
Und wenn die Trinker nicht alkoholisiert Auto fahren, gegen Tische fallen oder andere verprügeln, sollte sich der Fremd­schaden, den sie anrichten, auch in Grenzen halten.
Die Belastung für das Gesundheits­system dürfte bei allen 4 Gruppen nicht uner­heblich sein, egal, ob es nun die Folgen des Rauchens für die Krankenkassen sind, die des Saufens, des Überfressens oder der Schädel­brüche wegen unbehelmter Stürze auf den Kopf.

Kann es vielleicht eine Art von Neid sein? Neid auf diejenigen, die allgemeine Vernunftregeln ignorieren?

Heutzutage ist es gesellschaftstauglich, wenn man auf irgendwelche Drogenerfahrungen verweisen kann, und kein Hahn kräht nach der Kundenkarte vom Erotikfachmarkt, die im Portemonnaie steckt. Also wie zum Henker soll man denn noch zeigen, wie cool man ist und wie egal einem die Konventionen sind?
Der Strom ist öko, der Müll wird gewissenhaft getrennt, der Fleischkonsum ist zumindest reduziert, wegen der Umwelt und der Ressourcen und der Gicht, und auch sonst verhält man sich vernünftig, rücksichtsvoll und gemeinschafts­dienlich (zumindest nach außen).
Aber man stellt im Laufe der Zeit fest, dass man sich nicht automatisch umso besser fühlt, je vernünftiger man handelt. Und dass Erfolg oder auch die Anerkennung durch andere sich nicht proportional zum Einhalten von gesellschaftlich verordneten Vernunft­regeln verhalten – womöglich manchmal sogar reziprok.

Und dann steht da doch tatsächlich jemand herum und RAUCHT! Womöglich auch noch normale Zigaretten und nicht die ohne Zusatzstoffe aus den braunen Schachteln! Wo man sich doch selbst das Rauchen mühsam abgewöhnt hat! Wegen des Blutdrucks. Und durch den Nikotin­entzug hat man 10 kg zugenommen und deshalb immer noch Blut­druck und zusätzlich noch ein Figurproblem.
Oder jemand fährt unbekümmert ohne Fahrradhelm in der Gegend herum, wo doch jeder weiß, wie riskant das ist. Eigentlich müsste wie aus dem Nichts ein gigantisch großer Sattel­schlepper vom Himmel fallen und den Nacktkopfler erschlagen, aber das passiert einfach nicht.
Zu viel Essen oder zu viel Alkohol dagegen ist nicht cool, sondern erzeugt nur Mitleid.

Steckt also eine Sehnsucht nach dem Unvernünftigen hinter der Besserwisserei und Belehrerei? Sind die „Ober­lehrer“ (gefühlt eher Männer als Frauen, aber das ist vielleicht eine selektive Wahrnehmung) neidisch auf die, die sich Unvernunft leisten?

Ich glaube nicht, dass der Mensch ein in erster Linie vernunftgesteuertes Wesen ist. Wenn er es wäre, hätten wir viele Probleme in der Welt nicht. Es sind immer noch die Hormone, die unser Handeln bestimmen.
Und es ist ja so: Helmtragen und Halbfettmargarine lösen einfach keine Ausschüttung von Endorphinen aus. Gegen gesellschaftliche Konventionen verstoßen: schon eher.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemeines, Gesellschaft abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s