Zweite Kasse bitte!

Jeder kennt das: man steht an der Supermarktkasse, die Schlange ist lang. Die Kassiererin greift nach einem prüfen­den Blick auf die Reihe der Kunden zum Mikro. Schon in diesem Moment macht sich Unruhe breit – ruft sie nur nach der Filial­leitung wegen eines aufwendigen Stornos oder wird eine zweite Kasse auf­gemacht? Und sie sagt es! „Zweite Kasse bitte!“

Sofort bekommt der hauchdünne Firnis der Zivilisation erste Risse… Wie rücksichts­los kann man die alte Dame vor sich auf dem Weg zur Nachbar­kasse beiseite­rempeln, ohne dass man wie der letzte Auswurf der Gesellschaft angeblickt wird? Kann man anderen Kunden den Einkaufs­wagen in die Hacken rammen und es als Versehen deklarieren? Vielleicht auch umgekehrt: inwieweit kann man/frau auf Manieren und Rücksicht­nahme durch die Mitmenschen pochen und ihnen ein schlechtes Gewissen verschaffen, wenn sie einen nicht vorlassen? Obwohl man genauso wie alle anderen nur das Rennen an die zweite Kasse gewinnen will?

Täuscht der Eindruck, dass häufig die Menschen, von denen man glaubt, sie hätten, aus welchem Grund auch immer, eigentlich genug Zeit, um auch mal etwas länger an der Kasse zu stehen, am schnellsten und am rücksichts­losesten den Sturm auf die zweite Kasse starten?
Und warum muss die zweite Kasse immer dann aufgemacht werden, wenn man gerade seine Einkäufe voll­ständig aufs Band der ersten Kasse gequetscht hat (kleiner Tip in dem Zusammen­­hang: nie zu früh die Einkäufe aufs Band packen)? Lohnt es überhaupt, die Kasse zu wechseln? Und warum setzt das Öffnen einer weiteren Kasse im Supermarkt bei vielen Menschen Stresshormone frei wie die Begegnung mit einem Säbelzahn­tiger in einer Zeit, in der es weder Papiergeld noch Scannerkassen gab? Fragen über Fragen…

Eine große Unsicherheit ist schon mal, welche Kasse denn zusätzlich aufgemacht wird. Das wissen zum Teil auch nicht die Mitarbeiter/innen selbst, die eine/n Kollegin/en heranrufen. Es ist schon der erste kapitale Fehler, sich auf die Aussage „Sie können sich an Kasse 2 anstellen, da kommt gleich jemand“ zu verlassen. Alle stürmen an Kasse 2 und packen ihre Ware aufs Band. Und dann warten sie. Und gucken den Kunden, die an Kasse 1 geblieben sind, beim Einpacken und Bezahlen zu. Weil in Zeiten knapp kalkulierter Personal­decken der Kollege, der an die zweite Kasse kommen müsste, gerade draußen die Einkaufswagen zusammen­schiebt und die „Zweite Kasse“-Durchsage überhaupt nicht mit­bekommen hat, oder weil er schnell noch zwei Paletten Kaffee­pakete aus dem Wochen­prospekt ins Regal räumen muss. Oder Pause hat – das ist ja im Einzelhandel nicht verboten.

Irgendwann kommt dann jemand, und es stellt sich heraus, dass nicht Kasse 2 zusätzlich geöffnet wird, sondern Kasse 3. Weil an Kasse 2 zurzeit wegen eines defekten Lese­gerätes keine Karten­zahlung möglich ist, was die Mitarbeiterin an Kasse 1 nicht wusste, weil ihre Schicht gerade erst angefangen hat. Also müssen die extrem ungehaltenen Kunden ihren ganzen Kram wieder ein­packen und an die andere Kasse umziehen. Und dann bleibt nur zu hoffen, dass dort nicht gerade das Papier für die Kassen­bons alle ist und die neue Rolle sich partout nicht einsetzen lassen will…

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