Der Unfall-Hype

Es war ein schreckliches Ereignis – der Absturz einer German-Wings-Maschine in den französischen Alpen. Aber als wäre es nicht schon schrecklich genug, muss dieser Absturz, wie alles, was medien­tauglich ist, auch mal wieder herhalten für einen Medienhype sondergleichen.

Die Trümmerteile waren noch nicht kalt, da tauchten wie aus dem Nichts unzählige „Experten“ auf, die Äußerungen über alles und nichts im Zusammen­hang mit dem Absturz von sich geben, die manch­mal nur schwer zu ertragen sind.

Warum zum Beispiel muss man – auf allen Kanälen, die öffentlich-recht­lichen können da keinen Seriositäts­vorsprung verbuchen – mit Ver­mutungen und Speku­lationen um sich werfen, was die Ursache für den Absturz gewesen sein könnte? Angela Merkel sagte in einer der ersten Verlautbarungen ganz richtig, dass sich eine Speku­lation über die Absturz­ursache verbiete, solange es keine genaueren Infor­mationen gebe. Und unmittelbar danach geht die Schalte zu einem „Experten“, der gefragt wird, ob es denn sein könne, dass die Piloten ohnmächtig waren. Oder dass vielleicht die Sensoren vereist gewesen seien, was ja auch schon passiert ist (Antwort des Experten: kann sein, kann aber auch nicht sein). Und was eigentlich genau die Folge ist, wenn Sensoren vereisen. Mensch, das kann sich jeder durchschnittlich begabte Mensch an fünf Fingern abzählen: wenn Sen­soren nicht richtig messen, liefern sie falsche Daten. Und der Autopilot (oder auch der instrumenten­fliegende Pilot) tut mit den falschen Daten die falschen Dinge. So schwer ist das nicht zu verstehen. Ganz normale Bürger machen ja als Reaktion auf falsche Daten vom Navigationsgerät im Auto schon Unfug, und das im „Sichtflug“.

Wir werden zugeschmissen mit Grafiken über Steig- und Sink­flüge, hübschen SloMo-Animationen, wie das Flugzeug am Berg zerschellt (besonders sehens­wert für die Hinter­bliebenen), und Statistiken über Flug­zeug­alter und Betriebs­stunden bei verschiedenen Flug­gesellschaften.

Wobei ich davon ausgehe, dass natürlich die Flugzeuge, wenn sie den erforder­lichen Standards nicht genügen würden, auch nicht starten dürften.

Hat schon mal irgendjemand bei der Auswahl des aller­aller­ultra­mega­billigsten Flugs die Frage gestellt, in welchem Zustand denn die Flugzeuge der ausgewählten Flug­gesell­schaft sind?

Und selbst wenn sich herausstellt, dass ein technischer Defekt vorlag, und an den Stamm­tischen alle voller Betroffen­heit sagen „jaja, diese Billig­flieger, alles nur Schrott­kisten“ – in zwei Wochen wird wieder für 49 Euro ein Ticket gebucht.

Ein bisschen tun einem auch die Medienleute leid, die gezwungen sind, jede noch so blöde Frage zu stellen. „Kann man als Angehöriger nach so einem Verlust einfach weiter­leben?“ Was für eine Antwort erwartet man denn darauf? Ja – nein – vielleicht – schwierig? „Wie werden die Angehörigen der spanischen Absturz­opfer betreut?“ Ja was glaubt man denn, wie? Ungefähr so, wie die deutschen, aber auf spanisch. Der Spanier an sich ist ja, abgesehen von seinen Stier­kämpfen, im Großen und Ganzen ungefähr so zivilisiert wie der Deutsche…

Die Schule in Haltern, von der 16 Schüler/innen und zwei Lehrerinnen im Flugzeug waren, wird belagert von Fernseh­teams, die bestrebt sind, auch bloß keine Träne, keinen Zusammen­bruch, kein Weinen zu verpassen. Wäre ja schade drum.

Es sind – Stand heute – 72 Menschen aus Deutschland ums Leben gekommen. Hat schon mal jemand nach den 54 gefragt, die nicht von der Halterner Schule stammen? Da sind 54 Schick­sale, die ganz genauso schlimm sind wie die 18 aus Haltern.

Aber vielleicht haben die 54 in dieser Hinsicht auch Glück im katastro­phalen Unglück. Sie werden mit Sicherheit ebenfalls seel­sorgerisch betreut, aber es stehen nicht an jeder Ecke Medien­vertreter, die dümmliche Fragen stellen.

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