Ü-Tanzen

Das Alter, ab dem man sich zu alt fühlt für die „normale“ Disco-Community, liegt relativ niedrig – ungefähr bei 22. Jedenfalls hört man von 22-Jährigen Sätze wie „da gehe ich nicht mehr hin, da laufen ja nur Kiddies rum…“. Aber das „echte“ Ü-Alter hat man un­gefähr mit 30 erreicht, denn ab dann gehört man zur Ziel­gruppe der Ü-Parties. Ü30 ist noch relativ häufig, Ü40 schon seltener, darüber gibt es eigent­lich nichts mehr. Weil da niemand hingehen würde, denn man möchte nicht gern deutlicher als nötig sein Ü-irgendwas vor Augen geführt bekommen. Wir hören alle einfach beim Ü30-Sein auf, das bleibt man dann ja auch bis ans Lebens­ende. Es gibt Ver­an­staltungen, die sich gezielt an Menschen oberhalb einer ziemlich hohen Alters­grenze richten, die haben dann so Bezeichnungen wie „Best Ager“ oder „Gene­ration Gold“. Aber sei‘s drum, ist ja in Ordnung. Schließ­lich werden Schlank­heits­produkte ja auch nicht mit „für extrem Dicke“ beworben, sondern mit „Body­shape Enhance­ment“, und Deos nicht mit „gegen üblen Gestank“, sondern „für Frische den ganzen Tag“. Also warum nicht „Best Ager“…

Wir jedenfalls haben uns mal wieder ins Nacht­leben gestürzt und dazu eine Ü27-Veranstaltung gewählt. Der Ziel­gruppe gehören wir zweifels­frei an, und zwar schon ziemlich lange. Vor dem Eingang dachte ich noch so bei mir „Mensch, das sind ja verdammt alte Leute, die hier reingehen“. Aber dann fiel mir auf, dass das in etwa meine Alters­klasse ist. Erster Plus­punkt ist, dass solche Abende deutlich vor Mitter­nacht losgehen, alles andere schafft man ja nicht mehr, dafür ist man noch zu weit von der senilen Bettflucht entfernt. Die Musik kennt man größten­teils von früher (und nicht unbedingt von so wahn­sinnig weit früher, schließlich hat man ja nicht ab dem 30. Lebens­jahr außer­halb der Zivi­lisation gelebt).

Meine Theorie ist, dass es bei der Alters­struktur der Disco­theken­besucher eine Delle gibt. Das Alter bis Mitte 20 ist stark vertreten, denn man hat noch die Energie, das ganze Wochen­ende durch­zu­feiern, und keine familiären Ver­pflich­tungen. Dann gibt es bis ungefähr Ende 30 einen Einbruch. Denn Mitte/Ende der 20er findet man so langsam seine/n Liebste/n, ersetzt die figur­freundlichen Abende auf der Piste durch gemütliche Kuschel­abende mit DVD-Gucken und gemeinsam Kochen oder Pizza­dienst. Der Nach­wuchs kommt, und damit eine lange Zeit, in der man die seltenen Gelegen­heiten zum Aus­gehen sehr sorg­fältig plant. Irgendwann sind die Kinder halb­wüchsig und die Be­ziehung ist ent­weder noch intakt oder im Eimer. In beiden Fällen ist man jenseits der 40 und geht auf Ü-irgendwas-Ver­an­stal­tungen.

Im Grunde ändert sich bei der Struktur des Publi­kums im Ü30/40-Bereich wenig gegenüber der des ganz jungen Party­volks. Zum einen sind diejenigen unter­wegs, die einfach ein bisschen tanzen und trinken wollen. Dann gibt es die Frauen, selten allein, meist in Gruppen, die einen lustigen Mädels­abend verbringen und womöglich den Traum­prinzen kennenlernen wollen. Ja, dieser Irr­glaube in Bezug auf die Bewerber­qualität in Disco­theken hält sich bei Frauen hartnäckig auch mit fort­schreiten­der Lebens­erfahrung. Und es gibt die Männer, die, entweder allein oder mit Kumpels, mal ein bisschen nach Frisch­fleisch (jaja, ist alles relativ) Aus­schau halten wollen und die Hoffnung auf ein flottes Aben­teuer noch nicht auf­gegeben haben. Wobei die Chancen möglicherweise gar nicht so schlecht stehen: die Frauen dieser Alters­gruppe haben nicht mehr in erster Linie das Gründen einer Familie auf dem Pro­gramm, und sie sind etwas realistischer, was die Erwar­tungen an einen Mann angeht. Allerdings ist es in allen Alters­klassen hinderlich, wenn man versucht, sich als Mann Mut fürs Flirten anzu­trinken. Denn eine üble Begleit­erscheinung ist, dass man das Objekt der Begierde nur noch an­lallen statt an­sprechen kann. Und selbst wenn die Frau taub wäre, wäre der zu hohe Alkohol­pegel für einen erfolg­reichen weiteren Ver­lauf des Abends hinderlich.

Und natürlich gibt es haufenweise Männer, die sich an der Theke fest­klammern und ihre Verachtung für die näher an den Frauen befindlichen Geschlechtsgenossen mit einem mehr oder weniger klar artikulierten „wer tanzt, hat kein Geld zum Saufen“ ausdrücken.

Jedenfalls war der Laden mit der üblichen, oben beschriebenen Mischung von Menschen gefüllt, was durchaus nett war. Auf der Tanzfläche tummelten sich Frauen, die mal wieder das gute schwarze Oberteil ausführen wollten, und Männer, die an diese Frauen dran­wollten und bereit waren, tanz­technisch alles dafür zu tun. Bei rockigeren Stücken waren etwas mehr Männer auf der Tanz­fläche, aber es gab auch Phasen mit „Mädchen­musik“. Also diese melo­dischen, soft-poppig-rockigen, etwas roman­tischen Stücke, zu denen Männer normalerweise nicht frei­willig tanzen, wie zum Bespiel Melissa Etheridges „Like the way I do“. Der beste Begleiter von allen ist der einzige mir bekannte hetero­sexuelle Mann, dem das Stück gefällt. Ich weiß das genau (das mit dem Gefallen), weil ich ihm zuliebe mit auf der Tanz­fläche bleibe. Ansonsten flüchteten mit jedem Mädchen­musik-Stück mehr Männer von der Tanz­fläche, und wir haben nach einer eingehenden Analyse messer­scharf geschlossen, dass die verbliebenen Exemplare hauptsächlich aus zwei Gründen dablieben: entweder waren sie sehr sozial­pädagogisch studiert – irgendwie erwartet man von Sozial­pädagogen noch am ehesten, dass sie auf solche Musik stehen -; oder sie litten unter einem sexuell sehr aus­gedörrten Zustand (wobei Männer dann ja eher das Gegen­teil von aus­gedörrt sind…). Vielleicht waren auch sexuell aus­gedörrte Sozial­päda­gogen dabei. Allerdings gebe ich gern zu, dass dies sehr böse und gemeine Vorurteile sind.

Ich vermute, dass die Ü-Besucher gar nicht unangenehm für die Club-Betreiber sind. Zum einen haben sie meist das nötige Geld, um in dem Etablisse­ment zu trinken, statt zu Hause vor­glühen zu müssen, und im allgemeinen kennen sie wahrscheinlich ihre Alkohol­grenze besser und neigen weniger dazu, Schlägereien anzu­zetteln oder Treppen herunter­zufallen.

Alles in allem ist so ein Ü-Abend jedenfalls recht empfehlenswert. Man wühlt sich mal wieder unter der lieb­gewordenen Sofa­decke hervor. Und wenn die anderen montags im Büro erzählen, dass sie am Samstag wieder vor den Fern­seher gesessen und eine Casting­show geguckt haben, kann man richtig auftrumpfen. Man muss ja nicht erwähnen, dass der Abend nicht extrem lang war, und dass man es bei ein paar kleinen Biermisch­getränken belassen hat – weil man doch seinen Schlaf braucht und auch den Alkohol nicht mehr so verträgt.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemeines, Gesellschaft, Männer und Frauen abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Ü-Tanzen

  1. schnipseltippse schreibt:

    Hahaha, senile Bettflucht! Auf die warte ich dann mal, bin schließlich Ü40.

    Gefällt mir

  2. U. aus KLM schreibt:

    messerscharf beobachtet 😉
    grüße aus KLM

    Gefällt mir

  3. A aus Jö schreibt:

    Jajaja
    Gut gelacht

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s