Heiße Luft um die kalte Progression

Heute gibt es mal wieder was Schwerverdauliches – wobei das eigentlich so gar nicht stimmt. Die „kalte Pro­gression“ klingt zwar sperrig, ist aber relativ simpel zu verstehen. Leider bietet sie jedoch Hohl­schwätzern landauf, landab eine blendende Gelegen­heit, unsinnige Aussagen zu ver­breiten. Und das aus verschiedensten Quellen: Parteien, Tages­zeitungen, Nachrichten­sendungen – da wundert man sich nicht, dass, wenn das Ganze auf Stamm­tisch­niveau runtergekocht ist, nur noch Müll übrigbleibt.

Deshalb hier mal in hoffentlich verständlichen Worten, was die kalte Progression ist und was nicht.

Was in den letzten Tagen zu hören, sehen und lesen war:

„Wer eine Lohnerhöhung bekommt, rutscht im ungünstigen Fall in eine höhere Steuer­klasse.“ (Nachrichten­sendung öffentlich-rechtlich!)

Grober Unfug, die Steuerklassen (1-6) richten sich nach den „persönlichen Steuer­merkmalen“ des Arbeit­nehmers (z. B. verheiratet oder nicht, Über­nahme bzw. Abgabe von Freibeträgen an den Ehepartner oder nicht). Sie ändern sich nicht mit dem Ein­kommen. Wer sein Leben lang unver­heiratet bleibt, behält für seinen Hauptjob (arbeits-)lebens­lang die Steuer­klasse 1, egal ob mit 1.000 oder 10.000 Euro Monatsgehalt.

„Die kalte Progression kann dazu führen, dass man zwar mehr brutto hat als vorher, aber netto weniger.“ (und das unterstützt durch eine entsprechende Grafik!)

Ausgeschlossen, dies kann über die Steuerprogression nicht passieren.

Was ist denn nun die „kalte Progression“?

Den meisten Steuerpflichtigen ist wahrscheinlich bekannt, dass die Einkommen­steuer als solche progressiv ist. D. h. auf ein niedriges Einkommen zahle ich nur einen geringen Prozent­satz an Einkommen­steuer (der bei 14 % anfängt), auf ein hohes Einkommen können es bis zu 45 % (der berühmte „Spitzen­steuer­satz“) sein.

Dieser Ansatz ist schon über 200 Jahre alt und gründet sich auf den Gedanken, dass, wer viel verdient, auch viel (eben nicht nur pro­portional, sondern auch mit einem höheren Anteil) für die Finan­zierung des Gemein­wesens beitragen kann.

Vielen ist auch bekannt, dass nach einer Gehalts­erhöhung vom neuen Ein­kommen prozentual mehr Einkommen­steuer abgezogen wird. Eine Gehalts­erhöhung um 10 % brutto führt nicht zu 10 % mehr netto, sondern, sagen wir, 8 %. Trotzdem hat man netto mehr als vorher, aber sozusagen „weniger mehr“ als brutto. Das „weniger mehr“ ist die Steuer­progression. Die funktioniert auch umgekehrt: wer von Vollzeit auf Teilzeit wechselt, bemerkt, dass das Netto­einkommen pro­zentual nicht so stark sinkt wie das Brutto­einkommen, weil der Steuer­satz niedriger wird.

Die „kalte Progression“ ist nichts anderes als die normale. Sie wird im Zusammen­hang mit Tarif­erhöhungen so genannt, die in erster Linie „nur“ zum Erhalt der Kauf­kraft dienen.

Der Einkommensteuertabelle ist es egal, warum jemand jetzt 100 Euro im Monat mehr bekommt als vorher. Wenn Arbeit­nehmer z. B. 3 % tarifliche Lohn­erhöhung erhalten, steigen die Einkommen­steuer­einnahmen der öffentlichen Hand durch diese Erhöhung eben nicht um 3 %, sondern etwas mehr, der Arbeit­nehmer behält netto nicht 3 % Steigerung übrig, sondern durch den jetzt etwas höheren Steuersatz etwas weniger.

Dieser Effekt lässt sich mit jedem x-beliebigen Brutto-Netto-Rechner im Netz veranschaulichen.

Und dieses Phänomen, also ein höherer Steuersatz, der nicht daher kommt, dass man durch eine echte Gehalts­erhöhung (durch Job­wechsel, Beförderung o. ä.) wirklich finanziell leistungs­fähiger geworden ist, sondern nur dadurch, dass man eine Lohn­erhöhung als Ausgleich für die die gestiegenen Lebens­haltungs­kosten bekommt, heißt „kalte Pro­gression“.

Wobei natürlich „keine Lohnerhöhung“ inflationsbereinigt noch weniger Geld in der Tasche bedeutet als „kleine Lohn­erhöhung“…

Die kalte Progression könnte ausgeglichen werden, wenn die Einkommen­steuersätze z. B. um die Inflations­rate oder die durch­schnitt­lichen Lohn­steigerungen korrigiert würden.
Aber diese feine Mehreinnahme (also von den tariflichen Lohn­steige­rungen mehr zu profitieren als die Arbeit­nehmer selbst) lässt sich die öffentliche Hand natürlich ungern entgehen.

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