Die Last mit den Quoten

Dies wird ein aufgebrachter Text – zum Thema Quoten, Aufsichts­räte, Begriffs­klärung und Heulsusen.

Nun kommt sie wohl bald: die Frauenquote für Unter­nehmen. Und viele heulen schon wieder: da müssen für die nächsten Jahre alle Chef­posten an Frauen vergeben werden, Unter­nehmen werden brutal geschlossen, wenn sie das nicht machen, und Führungs­positionen werden mit Frauen besetzt, statt nach Quali­fikation zu gehen. Letzteres bedeutet im Klartext: ginge es nach Quali­fikation, käme da ein Mann hin – was doch für ein männ­liches Selbst­bewusst­sein!

Die geplante Regelung sorgt, wie das beim Thema Frauen/Männer reflexartig passiert (ich erlaube mir, als neutrale Reihen­folge der Nennung die nach Alphabet zu wählen), dafür, dass alle, denen im Sand­kasten mal ein Förm­chen geklaut wurde, aus ihren Löchern gekrochen kommen und den Unter­gang der Zivi­lisation bejammern. Und das (also der Unter­gang) nur, weil die blöden Weiber nicht einsehen, dass sie, wie vor 10.000 Jahren auch, sich doch einfach aufs Höhle-Staubsaugen und Lendenschurz-Bügeln be­schränken könnten.

Was ist denn eigentlich geplant? Das hier:

„… sollen in den Aufsichtsräten der etwa 110 börsennotierten und voll mitbe­stimmungs­pflichtigen deutschen Unter­nehmen ab 2016 frei werdende Posten so lange mit Frauen besetzt werden, bis ein Frauen­anteil von 30 Prozent erreicht ist.

(http://www.rp-online.de/wirtschaft/dgb-sieht-frauenquote-fuer-aufsichtsraete-kritisch-aid-1.4578311)

(nur mal am Rande: es gibt bei den DAX-Unternehmen bereits welche mit mehr als 30 % Frauen­anteil im Aufsichts­rat)

Und da die meisten, wie so oft, keinen Schimmer haben, worüber sie eigentlich lamentieren, gehen wir doch mal wie bei der „Feuer­zangen­bowle“ vor und fragen uns erstmal „Watt is enne Aufsichts­rat?“

Laut Aktiengesetz (AktG § 111) sind dies die Aufgaben des Aufsichts­rates (den es übrigens nur bei der AG, der Aktien­gesellschaft, gibt): Er

„(…) hat die Geschäftsführung zu überwachen.
(…) kann die Bücher und Schriften der Gesellschaft sowie die Vermögensgegenstände (…) einsehen und prüfen.
(…) Er erteilt dem Abschlußprüfer den Prüfungs­auftrag für den Jahres- und den Konzernabschluß gemäß § 290 des Handels­gesetz­buchs.
(…) hat eine Hauptversammlung einzuberufen, wenn das Wohl der Gesell­schaft es fordert. (…)“

Klingt langweilig, ist es wahrscheinlich auch.

Will also heißen: der Aufsichtsrat ist laut Gesetz dafür da, die Tätig­keit des Vorstands zu über­wachen bzw. zu genehmigen. Der Vorstand, das wiederum sind die eigentlichen Führungs­kräfte, die strikt nach Quali­fikation ausgesucht werden, so wie Hartmut Mehdorn, der als Chef z. B. bei der Deutsche Bahn AG und bei airberlin seine Quali­fikation unter Beweis gestellt hat. In die Geschäfts­führung, also die tatsächlichen unter­nehmerischen Ent­scheidungen, darf der Aufsichts­rat per Aktien­gesetz nicht eingreifen. Und das ist auch gut so.

Also für alle, die es nicht so mit Zahlen haben – es klingt bei dieser Debatte so, als seien das vornehmlich Männer:

von 10 Aufsichtsratsmitgliedern wären per Quote 3 Frauen. Verbleiben, wenn wir mal von den Personen mit unk­larer geschlecht­licher Iden­tität absehen, 7 Männer. Also eine fette Mehrheit der Männer für alle Ent­schei­dungen, die der Aufsichts­rat so trifft! Die Männer könnten einfach immer die Frauen über­stimmen und es gäbe gar kein Problem, rein abstimmungs­technisch.

Also wovor haben die Männer Angst? Kann mir das mal jemand beantworten??

Haben die Angst, dass die Frauen aus Protest gemeinsam menstruieren oder einfach heulen, wenn sie ihren Willen nicht kriegen?

Übrigens ist die Frauen­quote nur die zweite Quote, die bei den mitbestimmungs­pflichtigen AGs zum Tragen kommt.

Gemäß Mitbestimmungsgesetz sind nämlich die Aufsichtsräte bei diesen Unter­nehmen mit Vertretern der Aktio­näre und Vertretern der Arbeit­nehmer zu besetzen, und zwar paritätisch, sprich halbe-halbe. Der Gesetz­geber zwingt also schon seit ewigen Zeiten AGs dazu, ihren Aufsichts­rat zur Hälfte mit Betriebs­rats- und Gewerkschafts­vertretern zu besetzen. Nur die andere Hälfte dürfen befreundete Chefs von anderen Unter­nehmen, Poli­tiker oder sonstige Buddies sein. Hat aber bisher trotz dieser Quote alles gut funktioniert.

Nun spricht sich, wenig überraschend eigentlich, ausgerechnet der DGB gegen die Frauen­quote aus. Warum?
Für einen Gewerkschafter oder Betriebsrat ist ein Aufsichts­rats­mandat eine der wenigen Möglich­keiten, mit den großen Jungs zu pinkeln. Sonst muss er ja immer irgendwo stehen und sich als Konjunktur­bremser und Verräter am Wirtschafts­wachstum beschimpfen lassen.

Und es drängt sich ganz leise der Verdacht auf, dass man versuchen wird, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen bzw. zwei Quoten mit einer Person zu erfüllen. Richtig, die Betriebs­rätin oder Gewerkschafts­frau! Einfach ein paar weibliche Arbeitnehmer­vertreter in den Aufsichtsrat berufen, schon ist Ruhe im Karton. Und wer bleibt auf der Strecke? Genau, die Gewerkschafts- bzw. Betriebsrats­männer. Klar, dass die a) das doof finden und b) völlig verdrängen, dass sie selbst nur aufgrund einer Quote eine Chance haben.

Und wo ich schon mal beim Schimpfen bin: denkt eigentlich irgendwer mal darüber nach, wonach in der Politik Posten vergeben werden? Da einigen sich die Koalitions­partner der Regierung, welche Partei welchen Minister­posten besetzen darf. Und selbst wenn der andere Koalitions­partner für ein Mini­sterium einen viel qualifi­zierten Kandi­daten (oder eine Kandidatin) hat, ändert das nichts. Denn versprochen ist versprochen!

Und wenn bei der Pöstchenverteilung innerhalb der Partei die Hessen (oder die West­falen oder die Branden­burger) dran sind, dann kriegt eine(r) von ihnen den Posten. Auch wenn andere, bessere Kandi­daten aus anderen Landes­ver­bänden kommen.

Es ist allerdings undenkbar, dass man Sätze hört wie „Ist es Ihnen nicht peinlich, dass Sie den Minister­posten nicht aufgrund Ihrer Quali­fikation bekommen haben, sondern nur, weil Sie Hesse sind?“ oder „Ich weigere mich, aufgrund meiner Partei­zuge­hörig­keit nominiert zu werden, sondern ich will aufgestellt werden, weil ich am besten quali­fiziert bin.“

Aber den Frauen kommt man mit dieser Argumentation. Und die nehmen sich (teilweise) auch noch was davon an…

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2 Antworten zu Die Last mit den Quoten

  1. berndmarquard schreibt:

    Tut mir leid, aber diese Argumentation kann mich nicht überzeugen!
    Das Argument mit den Politikern ist ja eher ein negatives Beispiel, weil da unqualifizierte Dep…n ein Amt besetzen und dann nur Mist bauen.
    Die andere Quote hat ja auch weniger mit gesellschaftlicher Akzeptanz zu tun, als mit Kontrolle und Machtverteilung im Unternehmen.
    Und was spricht dagegen, dann noch andere Gruppen, die man nicht kritisieren sollte mit einer Quote in die Aufsichtsräte zu bringen? Schwule, Lesben, Alte, Junge, Chinesen, Afrikaner, Behinderte…
    Verstehe mich nicht falsch, ich finde es gut, wenn Frauen in Führungspositionen zu finden sind, bzw. habe ich keine Probleme damit. Meinetwegen dürfen es auch 100 % sein. Aber zu sagen, solange nur Frauen einsetzen, bis… halte ich für falsch.
    Dann eher in die Richtung, bei gleicher Qualifikation…

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    • Ätzblogger schreibt:

      Gut, dass ich gleich zu Beginn geschrieben habe, dass dieser Text in erster Linie ein Schimpfen und damit auch emotional und ggf. etwas tendenziös ist. Er war nicht als ausgewogene Analyse und messerscharfe Argumentation angelegt… Es reicht, wenn er das Niveau der „was wollen die Weiber eigentlich noch alles?“-Stammtischsprüche übersteigt, und das tut er meines Erachtens ;-).

      Wie gesagt bzw. geschrieben – es gibt überhaupt keine Quote für Frauen in Führungspositionen, und das wird wohl auch so bleiben.
      Ich finde es übrigens gut, wenn jemand eine Führungsposition oder sonst einen einflussreichen Posten haben kann, und niemand fühlt sich zu einem Kommentar berufen wie „für eine Frau ganz schön tough“ oder „toll, dass man den Job einem Schwulen gegeben hat“.

      Den Rest meiner Antwort habe ich grad wieder gelöscht, weil ich es müßig finde, alles zu wiederholen, was ich schon im Text geschrieben habe – und das heißt im Kern: bei keiner durch „Quotierungen“ bevorzugten gesellschaftlichen Gruppe wird so offen und rumgemäkelt und an die „Berufsehre“ appelliert wie bei Frauen. Das kann man „nicht so schlimm“ finden (meist, wenn es einen nicht betrifft) oder man kann es halt nervig finden. Ich finde es nervig.

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