Das Gesichterbuch

Ich bin jetzt bei Facebook.

Über lange Zeit habe ich mich dagegen gesperrt; letztlich habe ich mich nach mehreren Dialogen wie „Ich habe ja ewig nix mehr von XY gehört, weißt du, was der/die jetzt macht? – Natürlich, wir sind doch auf Facebook befreundet, da bekomme ich immer die neuesten Infos.“ oder „Ist ja wenig los in diesem Forum. – Klar, die meisten schreiben in der Facebook-Gruppe.“ entschlossen, mich anzumelden, um nicht ganz vom Kommunikations­fluss abgehängt zu werden.

Wobei das natürlich nicht so wäre: ich kenne noch Menschen real. Sogar welche, die, obwohl sie noch nicht im Rentenalter sind, kein Handy haben und keine E-Mail-Adresse, dafür aber ein Fest­netz­telefon mit Anruf­beantworter. Mit denen verabredet man sich dann für eine reale Uhrzeit an einem realen Ort, um dort sowas wie ein reales Bier zu trinken (bäääh, mit den ganzen realen Krank­heits­erregern, die von anderen realen Leuten dort womöglich ab­gesondert werden!) oder ins Kino zu gehen (Wer es nicht mehr kennt: In einem „Kino“ schauen viele Menschen gemeinsam einen vorher angekündigten Film zu einer vorher festgelegten Uhr­zeit. Der Film wird nicht zwischen­durch angehalten, wenn jemand aufs Klo muss).

Und man muss sich an die mit diesen Menschen verab­redete Uhrzeit halten, weil man mangels Handy­kontakt nicht einfach zur ver­ein­barten Treff-Uhrzeit eine SMS mit dem Inhalt „Sorry, wird ein bisschen später – fahre gleich los und bin in spätestens 35 Minuten da“ schicken kann.

Jaaa, liebe Kinder, sowas gibt es noch. Eure Eltern haben sich sogar immer so verabredet!

Was mich an die sehr lustige Frage erinnert, die mal ein junger Mensch in meiner Gegen­wart stellte: „Wie sind die Leute eigentlich ins Inter­net gekommen, bevor es PCs gab?“ Ganz schön knifflige Frage …

Aber zurück zu Facebook. Was soll ich sagen? Facebook ist toll! Man kann in Kontakt zu Leuten sein, ohne viel Zeit darauf zu verwenden. Man macht sich bemerkbar, indem man irgendwo ein „Like“ anklickt. Und niemand kann einem vorwerfen, man würde sich ja gar nicht melden.

Und ich freue mich wie ein Kind, wenn ich ein „Like“ von meiner Tochter bekomme.

Als erstes nach der Registrierung habe ich total panisch und paranoid die Privat­sphäre-Ein­stellungen kontrolliert, damit ich bloß nicht versehentlich die weltweite Facebook-Community zu einer wilden Party einlade.

Ich habe auch nicht viele Facebook-Freunde; es muss ja nicht jeder lesen, was ich da so von mir gebe. Bis auf die wichtig­sten An­gaben habe ich erstmal gar nichts eingetragen. Bis die pene­tranten Fragen von Onkel Facebook „Wo wohnst du? Welche Musik hörst du? Welche Bücher liest du?“ Erfolg hatten und ich zwei Kino­filme und ein paar Musik­gruppen eingetragen habe. Für meinen Musik­geschmack habe ich übrigens keine Likes bekommen, aber ich hatte auch keine erwartet. Dafür bekomme ich jetzt keine Freund­schafts­anfragen mehr.

Außerdem finde ich es ganz schön gruselig, mir bei anderen Leuten (Freunde von Freunden von Freunden, die man von Facebook netter­weise vor­geschlagen bekommt) die Profile anzuschauen, auch wenn ich die Freund­schafts­vorschläge nicht annehme. Wissen die eigentlich, dass jeder sehen kann, dass sie ihre letzten Likes bei „Filme Über 18“ und „Tipps gegen Scheiden­trocken­heit“ ab­gegeben haben?

Facebook ist toll!

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