Gute Nacht oder Woran merkt man als Gast, dass es Zeit ist, zu gehen?

Wir waren kürzlich bei einem befreundeten Paar eingeladen. Als ich kurz nach Mitter­nacht anmerkte, dass wir uns langsam auf den Heimweg machen könnten, antwortete mir der beste Begleiter von allen, dass es doch gerade so nett sei und die Gastgeber auch nicht den Eindruck machten, als seien sie schon müde (nun können ja nicht nur die Gastgeber müde sein, sondern auch die Gäste). Wir sind dann noch zwei Stunden geblieben, weil es wirklich ein sehr netter Abend war (ich brauchte dazu so viel Espresso, dass ich später zu Hause nicht einschlafen konnte).

Wir haben an dem Abend noch über untrügliche Zeichen von Müdigkeit bei Gastgebern geplaudert. Klar auf den vorderen Rängen landeten: wenn sich die Gastgeber zwischen­durch den Schlaf­anzug anziehen; wenn die Gast­geber den Tisch abräumen und leere Gläser auch nicht mehr nachfüllen; wenn die Gast­geber fragen, ob man auch im Dunkeln rausfindet, weil sie schon mal das Licht ausmachen möchten.

Ich selbst habe bei Einladungen kein allzugroßes Stehvermögen – in aller Regel bin ich früher müde als die Gastgeber bzw. als Gastgeberin früher müde als die Gäste. Das macht für mich die Gastgeber­rolle nicht einfach… Der beste Begleiter von allen wiederum ist da sehr ausdauernd, er bleibt gern einmal in einer Kneipe sitzen, bis die Stühle hoch­gestellt sind und die Mit­arbeiter auch schon die Räumlich­keiten weitgehend gereinigt haben. Vielleicht wären wir nicht einmal ein Paar, wenn er sich nicht an einem Abend vor sehr langer Zeit einfach auf meinem Sofa festgesetzt hätte.

Wir waren mal auf einer Party eingeladen, wo sich die Dame des Hauses irgendwann ins Bett verabschiedete und ihrem Mann für den Rest des Abends die Gäste­­betreuung überließ (zu dem Zeitpunkt waren aller­dings noch mehr Gäste da als nur wir zwei).

Mein lustigstes Erlebnis mit einem sehr ausdauernden Gast war anlässlich eines Brunches, den ich veranstaltet habe. Wir hatten vormittags gegen 10 Uhr angefangen. Das Gros der Gäste verabschiedete sich zwischen 13 und 14 Uhr. Übrig blieb eine Freundin, die ihren baldigen Abschied mit den Worten „ich trinke gerade noch meinen Sekt aus, dann muss ich aber los“ ankündigte. Die angebrochene Sektflasche hielt sie für Ver­schwendung, deshalb hat sie sie leergemacht, nicht ohne den Hinweis, dass sie um fünf auf jeden Fall noch einen anderen Termin habe.
Gegen halb vier schlug sie vor, dass wir den Rest Kaffee, der noch in der Thermos­kanne war, trinken.

Um kurz vor fünf meinte sie, jetzt sei es wohl zu spät, den anderen Termin wahr­zunehmen, dann könnten wir ja auch noch ein bisschen quatschen. Wir hatten bis dahin den Tisch abgeräumt (sie war aufs Sofa umgezogen), alle Essensreste verpackt und weggeräumt, die zusätzlichen Stühle wieder in den Keller gebracht, die Spülmaschine zweimal befüllt und geleert, den Essbereich gestaubsaugt, eine Wasch­maschine laufen lassen und die Wäsche aufgehängt.
Am frühen Abend habe ich das Gespräch geschickt auf den angekündigten „Tatort“ gelenkt und angemerkt, dass wir traditionell den Sonntag­abend­krimi gucken. Und dass sie doch sicher auch am Montag wieder früh raus muss. Sie mag keine Sonntags­krimis. Wir haben um acht die Tages­schau eingeschaltet und sie sehr nett darauf hingewiesen, dass wir sie zwischen 20.15 und 21.45 Uhr praktisch wortlos verabschieden müssten – wegen des spannenden Tatorts. Als der Tatort-Vorspann zu Ende war, hat sie etwas wie „na, dann muss ich jetzt wohl gehen“ gesagt und den Worten auch die Tat folgen lassen.

Liebe Freundin, wenn du das hier lesen solltest: wir mögen dich und es war auch gar nicht so schlimm und außerdem sind Gäste, die etwas später kommen und dafür nach einer halben Stunde wieder gehen, weil sie noch eine andere/bessere Einladung haben, auch nicht besser, im Gegenteil! Es ist ein schönes Zeichen, wenn du dich wohlgefühlt hast! Und immerhin hast du den Stoff für eine schöne Anekdote geliefert, was auch nicht jeder schafft.

Jedenfalls ist ganz sicher etwas dran an dem Spruch mit dem Besuch und den drei Tagen und dem Fisch. Und es ist gar nicht so einfach, das richtige Maß zu finden, wenn man als Gast einerseits die Einladung und die Gast­­freundschaft angemessen wert­­schätzen will, aber wiederum auch beim nächsten Mal noch eingeladen werden möchte. Wahr­scheinlich kommt man, wie so oft im Leben, mit Ehrlichkeit am weitesten, insbesondere als Gast­geber.

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