Die Vereinbarkeitsfalle

Im „Handelsblatt“ wurde kürzlich Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig zitiert mit der Forderung nach „große[n] Anstrengungen von Wirtschaft und Politik, damit mehr Mütter früher in den Job einsteigen können“ (http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/familienpolitik-schwesig-will-mehr-muettern-den-weg-in-den-job-ebnen/9832398.html).

Das erinnerte mich an einen lesenswerten Artikel im Magazin „Cicero“, in dem Alexander Grau „Mehr Verantwortung für die eigenen Lebens­entwürfe“ forderte:

http://www.cicero.de/salon/fetisch-vereinbarkeit-kind-und-karriere-ist-unvereinbar/57158

Mir gefiel dieser Artikel als Denkanstoß, und zwar nicht nur im Hinblick auf die Vereinbar­keit von Karriere und Familie, sondern auch in anderen Lebens­bereichen. Und es geht nicht darum, in neoliberalem Stil jede staatliche Unterstützung für bestimmte gesellschaftliche Gruppen zurückzufahren, oder einem Sozial­darwinismus das Wort zu reden. Es geht auch nicht darum, ein striktes „Kind oder Beruf“ zu fordern. Sondern darum, einen menschen­verachtend hohen Anspruch an Lebensentwürfe zu hinterfragen.

Die in dem Artikel benannte Vereinbarkeitslüge ist m. E. eher eine „Vereinbarkeits­falle“, denn sie gaukelt vor, dass man alles mit allem vereinbaren kann, wenn man es nur richtig anpackt. Im Umkehr­schluss: wer es trotz guter Rahmen­bedingungen nicht schafft, ist ein Versager.

Wir sollten (wieder) zur Kenntnis nehmen, dass selbst perfekte Rahmen­bedingungen das Problem der mangelnden Vereinbar­keit von Dingen nicht immer lösen können. Es gibt Lebens­bereiche, die eine Hinwendung fordern und die nicht nach Belieben aktiviert und de­aktiviert werden können. Kinder gehören dazu – ebenso wie auch eine Beziehung.

12 Stunden täglich arbeiten, aber gleichzeitig der wichtigste Mensch im Leben der eigenen Kinder sein, schließt sich aus. Daran ändern auch Öffnungs­zeiten der Kita von 6 bis 20 Uhr nichts. „Beziehungs­pflege“ kollidiert mit zeit­raubenden Hobbies, die eine/r von beiden ausübt. Zeit, die man für eine Sportart oder ein Hobby aufwendet, fehlt für andere Freizeit­aktivitäten, aber auch für Überstunden oder die Beschäftigung mit den Kindern. Leben in naturbelassener Landidylle und gleichzeitig perfekte Infra­struktur, möglichst inklusive klein­taktiger ÖPNV-Anbindung, ist eine Illusion.

Auch wenn wir in einer Zeit und einer Gesellschaft leben, in der grundsätzlich und theoretisch alles für jede(n) möglich ist: Alles auf einmal geht nicht – für niemanden.

Entscheidungen FÜR das eine sind eben häufig zwangsläufig auch Entscheidungen GEGEN etwas anderes – zumindest für einen begrenzten Zeitraum.

Dass man nicht alles gleichzeitig haben kann, sondern auf das eine verzichten muss, wenn man das andere will, gehört eigentlich zu dem, was Kinder lernen.

Und diejenigen, die das im Laufe des Erwachsenen­lebens vergessen? Die findet man in der Burnout-Therapie:

Kinder und mindestens Dreivierteljob; soziales oder politisches Engagement; Mitglied­schaft in der Schulpflegschaft; Aktivitäten im Vereinssport; der Anspruch, den Lieben immer Selbst­gekochtes, möglichst auf dem Wochen­markt gekauft, vorzusetzen; alles Hand­werkliche im und ums Haus selbst vornehmen (oder es womöglich maßgeblich selbst mitbauen, auch wenn man kein Handwerker ist); ein großer, gut gepflegter Freundes- und Bekannten­kreis mit den dazugehörigen Social Events; und, last but not least, aufmerksame/r Partner/in sein und super Romantik-Wochenenden organisieren – das ist einfach nicht unter einen Hut zu bringen.

Wobei man klarstellen muss: Burnout schafft man auch ohne Kinder. Welche zu haben, erzeugt aber häufig eine besondere Anspruchs­haltung an sich selbst, alles perfekt machen zu müssen.

Vielleicht sollte man sich mit der Begrenztheit der eigenen Möglichkeiten anfreunden. Die Vereinbarkeits­falle zu erkennen und zu umgehen, kann ungeheuer entspannend sein:

im Urlaub entscheiden, ob es wirklich immer die 12-Stunden-Wander- oder -Besichtigungs­touren sein müssen, für die man sich nach dem einen oder anderen Urlaubs­bier (denn lange Abende sind natürlich auch Urlaubspflicht) morgens um 6 aus dem Bett quält, oder ob es einfach mal ausschlafen und eine Mini-Unternehmung sein darf; dem Nachwuchs einmal keine handgeschnitzten Kohlrabi­skulpturen vorsetzen (dieser Aufwand wird selten geschätzt), sondern Spaghetti Bolognese; das Auto zum Saison-Räderwechsel für 20 Euro in die Werkstatt bringen, statt nach Feier­abend in der Dämmerung stundenlang fluchend vor der aufgebockten Kiste zu kauern und sich mit festsitzenden Radmuttern herumzuschlagen; nicht noch ein Pöstchen im Vereins­vorstand übernehmen, nur weil die anderen clever genug waren, rechtzeitig vor der Kandidaten­suche aufs Klo zu verschwinden…

Spätestens nach dem Burnout oder dem ersten Herzinfarkt beherzigt man das ohnehin, warum also nicht schon vorher?

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