Flexitarier

Wer die letzten Jahrzehnte nicht unter einem Stein verbracht hat, der kann problemlos Vegetarier, Veganer, Ovo-Lacto-Vegetarier, Pescetarier (mit oder ohne Ovo oder Lacto) und Frutarier voneinander unterscheiden.

Seit einiger Zeit gibt eine weitere Ernährungsform: die des „Flexitariers“. Nach Wikipedia (http://de.wikipedia.org/wiki/Vegetarismus) ist Flexitarismus „von zeitweisem oder gelegentlichem Fleischkonsum unter­brochener Vegetarismus“, nach FAZ.net (http://www.faz.net/aktuell/lebensstil/essen-trinken/ernaehrung-jeder-zehnte-deutsche-ist-ein-flexitarier-12291233.html) sind Flexitarier Menschen, „die bewusst wenig Fleisch essen“. Auch der Begriff „Teilzeit-Vegetarier“ wird in diesem Zusammenhang gebraucht.

Bin ich, wenn ich zwischen meinen Fleischmahlzeiten auch mal welche ohne Fleisch zu mir nehme, ein Flexitarier? Wären dann alle, die in ihr morgendliches Müsli keine Schinkenwürfel streuen, oder an der nachmittäglichen Kaffeetafel nur Obst- oder Sahnetorte, aber keine (Fleisch-)Frikadellen essen, Flexitarier?

Sind wir nicht alle Flexitarier? Wer isst schon zu jeder Mahlzeit Fleisch? Wir Menschen sind ohnehin „Omnivoren“, also Allesfresser. Obst, Gemüse, Getreide, Fisch, Fleisch. Dafür sind unsere Verdauungsorgane ausgelegt, unser Gebiss, unser Stoffwechsel. Das heißt, wer mal Fleisch isst und mal nicht, betreibt eine Ernährung ohne besondere Auffällig­keiten. Wie langweilig klingt das denn!

Der Begriff „Flexitarier“ erinnert ein bisschen an den albernen Witz mit der Diät, an die man sich zwischen den üblichen Mahlzeiten strikt hält. „Gelegenheitsraucher“ ist doch auch keine Bezeichnung für Menschen, die jede Gelegenheit zum Rauchen nutzen.

Was kommt als nächstes? „Flexifisten“, die grundsätzlich eine pazifistische Haltung haben – es sei denn, der Gegner hat es nicht anders verdient und muss deshalb vernichtet werden? Oder „flexigam“, für Menschen, die an sich monogam sind, allerdings nur in der Zeit zwischen zwei Seitensprüngen? Das klingt moralisch auch irgendwie wertvoller als „notorischer Fremdgänger“. Wäre ja auch witzig, wenn sich jemand so etwas Absurdes wie eine „Flexiquote“ ausdenken würde – also eine in der Höhe frei wählbare Quote, zum Beispiel für den Anteil von Frauen in Führungs­positionen oder Aufsichtsräten, deren Einführungszeitpunkt man womöglich auch noch selbst festlegen kann.

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass bei vielen Menschen, die sich als „Flexitarier“ bezeichnen, möglicherweise etwas anderes dahinter steckt. Vielleicht sind sie zu der Erkenntnis gelangt „ich habe (oder meine Umgebung hat) an mich einen Anspruch, den ich mangels Disziplin, Motivation oder Überzeugung nicht erfüllen kann, traue mich aber nicht, das zuzugeben“? Vielleicht ist es der heutige Zeitgeist, der verlangt, dass jeder, der nicht zum kulturellen Bodensatz der Gesellschaft gehören will, große Teile seines Lebens „bewusst“ gestaltet und nicht einfach so vor sich hin existiert. Und dazu gehören eben auch die Ernährungs­grundsätze, die einen von der unkultivierten „Ich mag alles und vertrage alles“ -Masse abheben.

Eigentlich kann man guten Gewissens heutzutage gar nicht mehr so etwas wie „ich esse eigentlich ganz gern mal ein ordentliches Steak – wenn‘s geht, auch blutig“ von sich geben. Es sei denn, man ist Prolet im Geiste oder Frau, denn in letzterem Fall kann man (frau) immer (!) auf die schlechten Eisenwerte verweisen und auf die quasi medizinisch begründete Verpflichtung zum Verzehr von rotem Fleisch.

Ach ja, auch bei mir ist es natürlich nicht so, dass ich einfach irgendwas esse und dabei versuche, Umwelt, Gesundheit, mein schlechtes Gewissen gegenüber den „Nutztieren“  und meinen Geldbeutel unter einen Hut zu bekommen. Nein, ich praktiziere konsequent eine ökologisch-ethisch-ökonomisch-physiologisch orientierte Teil-Bio-Flexitarier-Ernährung.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemeines, Gesellschaft abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s