Kreatives Formulieren – die Beitragsbemessungsgrenze in der Tagespresse

Wieder mal ein Grund, die effekthascherische Berichterstattung in den Medien zu beleuchten – seit einigen Tagen geistern Schlagzeilen wie diese durch die Medien:
„Arbeitnehmer müssen 2014 mehr Sozialabgaben zahlen“ (Zeit online), „2014 werden Arbeitnehmer stärker zur Kasse gebeten“ (Hamburger Abendblatt) oder „Belastung durch Sozialabgaben für Besserverdiener wächst 2014“ (Mindener Rundschau).

Was denkt der Leser bei solchen Überschriften? Vielleicht „kaum ist die Wahl vorbei, schon wird der Bürger weiter abgezockt“ oder „immer auf die armen Leistungsträger, die ohnehin schon durch die Einkommensteuer so hoch belastet sind“ oder aber auch „endlich trifft es mal die Richtigen“.
Was auch immer sie uns sagen wollen – hier wird aus einer friedlich dösenden Mücke mit viel Deko und Farbeffekten ein wilder Elefant gemacht.
Was passiert eigentlich genau? Die Beitragsbemessungsgrenzen werden 2014 angehoben. Was ist eine „Beitragsbemessungsgrenze“? Viele, vielleicht nicht alle, Arbeitnehmer wissen, dass die Sozialversicherungsbeiträge (Renten-, Kranken-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung) in prozentualer Abhängigkeit vom Einkommen bezahlt werden, und zwar jeweils ungefähr zur Hälfte vom Arbeitgeber und vom Arbeitnehmer.

So weit, so gerecht. Doch nun kommt die Beitragsbemessungsgrenze ins Spiel. Sie ist die Einkommens(ober)grenze, die zur Berechnung der Beiträge herangezogen wird. Die Gestaltung ist etwas unübersichtlich: die Beitragsbemessungsgrenze für die Krankenversicherung ist niedriger als die für Renten- und Arbeitslosenversicherung, und in den neuen Bundesländern wiederum liegt sie niedriger als in den alten (die Summen liegen zwischen 3.937,50 und 5.800 Euro).
Unterstellen wir der Einfachheit halber, dass die Beitragsbemessungsgrenze für alle Sozialversicherungsbeiträge bei 5.000 Euro liegt und der Arbeitnehmeranteil bei 20 % (Ist 2013: knapp über 21 %).
Wenn jemand 1.000 Euro brutto verdient, müsste er davon 20 %, also 200 Euro an die Sozialversicherung abführen. Bei 2.000 Euro Bruttoeinkommen wären es 400 Euro usw., bis zur magischen Grenze von 5.000 Euro, bei der 1.000 Euro abzuführen sind. Liegt das Einkommen höher als 5.000 Euro, wird der Mehrbetrag nicht mehr berücksichtigt – weil er über der Beitragsbemessungsgrenze liegt. Ob 6.000 oder 10.000 Euro Bruttoeinkommen – der Sozialversicherungsbeitrag bleibt bei 1.000 Euro, was bei den genannten Einkommen 16,6 % bzw. 10 % des Einkommens entspricht – und nicht 20 % wie den Einkommen unterhalb der Grenze.*

Die Beitragsbemessungsgrenzen werden jährlich nach einer festen Formel angepasst und sind von der Einkommensentwicklung abhängig.

Folgende Schlüsse könnte man also aus Überschriften wie den oben zitierten ziehen:
– Die Sozialabgaben werden für alle Arbeitnehmer erhöht – falsch, denn diese Maßnahme trifft ausschließlich gut bis sehr gut Verdienende.
– Die stärkere Belastung ist ein Beschluss, der politisch gesteuert ist – falsch, denn die Anpassung erfolgt zwingend und nach einem festgelegten Muster.
– Die Besserverdiener werden stärker belastet als die „Normalverdiener“ – falsch, denn jeder, der mit seinem Einkommen über der Beitragsbemessungsgrenze liegt, ist ohnehin geringer belastet als die Mittel- und Kleinverdiener. Der Grad der „Geringerbelastung“ sinkt lediglich, weil die Berechnungsobergrenze angepasst wird.

Von einem „Draufzahlen“ der Besserverdiener o. ä. kann also keine Rede sein.
In manchen Artikeln zu den genannten Schlagzeilen wurde die Sachlage ein wenig relativiert und aufgeklärt, aber längst nicht in allen.

Was mich an dieser Form der Berichterstattung massiv ärgert, ist, dass sie beim eiligen Leser, der nicht genau weiß oder recherchiert, worum es eigentlich geht, völlig falsche Assoziationen weckt. Und das liegt für mich an der Grenze zum Unseriösen.

* Fairerweise muss man sagen, dass beitragsabhängige Leistungen, wie z. B. Rente oder Krankentagegeld, auch nur bis zur Höhe der Beitragsbemessungsgrenze gezahlt werden. Aber: wer auf sein Einkommen ohnehin nur 9 oder 10 % an Sozialversicherung zahlt statt 21 %, der hat genug übrig, um privat mit Zusatzversicherungen vorzusorgen, die auf ihn persönlich zugeschnitten sind.
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