MINT-Mädchen-Rechnung

Derzeit wird es wieder beklagt – das mangelnde Interesse von Mädchen und (jungen) Frauen an den sogenannten MINT(Mathematik/Informatik/Naturwissenschaft/Technik)-Fächern und -Berufen. Laut SPIEGEL, Ausgabe 39/2013, ist von 2007 bis 2011 der Anteil der Studien­anfängerinnen an der Gesamtzahl der Erstsemester in Mathematik und Natur­wissenschaften um ca. 10% und in den Ingenieur­berufen um rund 5% zurückgegangen. Wobei (Stichwort Statistik­interpretation…) aus diesen Zahlen im SPIEGEL nicht hervorgeht, ob es wirklich weniger Frauen in absoluten Zahlen sind oder möglicherweise auch eine deutlich gestiegene Anzahl der männlichen Studienanfänger, die diese Prozentsatz­­verschiebung bewirkt.

Worauf mag die weibliche MINT-Zurückhaltung zurückzuführen sein? Die Gründe sind wesentlich vielfältiger, als es einen viele Besserwisser und die-Welt-in-5-Minuten-Erklärer glauben machen wollen. Die richtige Antwort – wenn es sie denn gäbe – habe ich auch nicht, deshalb werfe ich nur einen persönlichen Bloggerblick auf einzelne Facetten dieses Themas.

Warum ist es denn eigentlich erstrebenswert, dass mehr Frauen in MINT-Berufen arbeiten bzw. MINT-Fächer studieren? Und sind die bessere Bezahlung und das wesentlich bessere Image dieser Fachrichtungen gegenüber z. B. der Soziologie, der Pädagogik oder der Sinologie überhaupt gerechtfertigt? Ist es so eindeutig, dass es wichtiger ist, ein technisches Patent anzumelden, als die Chinesen zu verstehen? Wer entscheidet, ob es „mehr wert“ ist, ein Werkstück zu entwerfen, als Schulanfängern das Lernen schmackhaft zu machen? Hier gibt es kein „Richtig“ und „Falsch“, kein „Schwarz“ und „Weiß“.

Und es stellt sich auch die Huhn-und-Ei-Frage: haben die MINT-Fächer und -Berufe einen so hohen Stellenwert, weil es die von Männern bevorzugten sind? Oder wählen die Männer die MINT-Fächer, weil für sie bei der Berufswahl hohes Ansehen und ein guter Verdienst eine wesentlich höhere Priorität haben als für Frauen (die ja gern beruflich was mit Kindern – oder Menschen an sich – oder Sprachen machen)?

Wie sieht es aus mit der Funktion von Vorbildern in der Realität und in den Medien? Mein Eindruck ist, dass deutlich unterschätzt wird, welche Rollenvorbilder Mädchen und Jungen haben – und zwar schon in sehr jungem Alter und im täglichen Leben in ihrer unmittelbaren Umgebung.

Man kann noch so tolle Lehrbücher über Geschlechterrollen schreiben und Girls‘- und Boys‘-Days veranstalten – aber was bekommen Kinder täglich vorgelebt? Wie leben die Frauen, die sie in ihrer näheren Umgebung kennen, wie z. B. Mutter, weibliche Verwandte, Freundinnen der Familie etc.? Welche Berufe haben sie? Welchen Stellenwert hat berufliches Fortkommen für sie (gehabt)? Für wie wichtig halten sie ihre Einkommenssituation? Wie haben sie ihre Prioritäten gesetzt, und (wie) haben sie Familie und Beruf miteinander unter einen Hut bekommen? Wie sind sie mit Rückschlägen umgegangen? Wurden bzw. werden sie von ihren Partnern eher unterstützt oder eher sabotiert?

Welche weiblichen Vorbilder prägen Mädchen, an welchen Vorbildern können sie sich überhaupt orientieren? Erfreulicherweise hat sich in den letzten 20 bis 30 Jahren einiges getan. So wie Jungen schon vor 50 Jahren mit leuchtenden Augen den Baggerfahrer, den Lokführer, den Firmenchef, den Arzt oder Polizisten zu ihrem beruflichen Vorbild erklären konnten, so gibt es – endlich! – auch mehr weibliche Lebensentwürfe, an denen sich Mädchen orientieren können. Das kann Jutta Kleinschmidt sein, aber auch Angela Merkel oder die Zahnärztin, bei der die Familie in Behandlung ist. Vielleicht ist es die Rechtsanwältin von nebenan oder Marissa Mayer, derzeitige Chefin von Yahoo. Die Bandbreite für „das will ich auch mal werden, wenn ich groß bin“ hat sich deutlich vergrößert. Allerdings braucht es seine Zeit durch die Generationen, bis solche Veränderungen wirken.

Damit den Mädels auch medial das Thema MINT etwas näher gebracht wird, gibt es ab November die toll pädagogisch angelegte Wissenschafts-Soap-Opera „Sturm des Wissens“. In diesem Projekt soll für junge Mädchen eine Verbindung zwischen Romantik und Wissenschaft hergestellt werden. Die vorgesehenen fünf Folgen laufen allerdings nur im Internet – für einen Sendeplatz selbst irgendwo in den „Dritten“ nach Mitternacht hat die erwartete Quote wohl nicht gereicht.

Das Geld für das Projekt hätte gespart werden können – warum hat man nicht einfach einen Blick über den großen Teich geworfen? Seit einigen Jahren gibt es buchstäblich eine Flut von starken weiblichen Charakteren in US-Krimiserien. Ob „Rizzoli & Isles“, „Navy CIS“, „Bones, die Knochenjägerin“ oder „Criminal Minds“ – es wimmelt geradezu von Frauen, die in naturwissenschaftlichen Berufen und z. T. in Führungspositionen einen richtig guten Job machen. Hätten Drehbuchschreiber in Deutschland nicht auch schon auf so etwas kommen können?

Nein, die haben einen anderen großen Wurf gelandet: „Sekretärinnen – Überleben von 9 bis 5“ heißt die echt lustige Comedyserie über den Alltag in Deutschland im Jahre 2013. Die Hauptdarstellerin wollte eigentlich nur einen ruhigen Job in der Poststelle (wie Frauen sich das halt so wünschen), landet dann allerdings blöderweise im Chefsekretariat des Unternehmens. Da geht es so richtig aufregend zu mit den Sekretärinnenkolleginnen und den cholerischen und machohaften Chefs (also nicht Chefinnen und Chefs, sondern: Chefs). Und mit Präsentationen, die die Sekretärinnen vorbereiten, was dann aber von den Chefs nicht entsprechend gewürdigt wird. Die Romantik kommt auch nicht zu kurz, bei so vielen Sekretärinnen und Chefs. Alles in allem Spannung pur, aber auch lustig! Nun gut, man ignoriert, dass Sekretärinnenstellen überall seit Jahren abgebaut werden und dass die verbliebenen Menschen auf diesen Stellen meist gar nicht mehr „Sekretärin“ heißen, sondern „Assistentin“. Weil sie in ihrem Job deutlich mehr machen und können müssen als tippen und Kaffee kochen (denn dafür wird nirgendwo mehr extra Personal eingestellt). Sogar die Ausbildung heißt nicht mehr „Sekretärinnenschule absolviert“, sondern meist „Kauffrau für Bürokommunikation“. Soviel zum Beitrag von RTL für das beginnende 21. Jahrhundert!

Bleibt zu hoffen, dass junge Mädchen doch lieber die US-Krimiserien einschalten, um Abby Sciuto beim Analysieren von Beweismitteln oder Maura Isles bei ihrer Tätigkeit als Gerichtsmedizinerin zuschauen.

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