Spektakulär: Marktwirtschaft für Banken!

Die EU-Finanzminister haben eine bahnbrechende Neuerung im Umgang mit notleidenden Großbanken verabschiedet: ab Inkrafttreten der Vereinbarung sollen bei auftretenden Finanzproblemen zunächst die Anteilseigner, sprich Aktionäre, die Gläubiger (die z. B. Inhaberschuldverschreibungen halten), und die Großkunden (formal gesehen jeder, dessen Einlage die über den Einlagensicherungsfonds abgedeckte Höhe überschreitet) für Verluste haften.

Man höre und staune – es sollen tatsächlich für Banken dieselben Bedingungen herrschen wie für jedes Unternehmen der Realwirtschaft!
Wenn ich Anteilseigner eines Unternehmens bin und das Unternehmen geht pleite, ist mein Geld weg. Das ist eigentlich klar – wo soll es denn auch sein? Wenn ich dem Unternehmen, das pleite gegangen ist, vorher Geld geliehen habe – womit ich nicht zu den vorrangigen Gläubigern gehöre -, dann ist dieses u. U. auch weg. Soweit ebenfalls nachvollziehbar. Und wenn ich Geld bei einer Bank anlege, das nicht durch den (ohnehin nur theoretisch wirksamen) Einlagensicherungsfonds abgesichert ist, dann liegt auf der Hand, dass dieses Geld im Falle einer finanziellen Schieflage ebenfalls verloren ist.

Also was bitte ist das Wegweisende an diesem „Durchbruch“? Viele Grundlagen der Marktwirtschaft (simple Dinge wie z. B. „hohe Chance – hohes Risiko“ oder der bekannte Zielkonflikt zwischen Liquidität und Rentabilität) sind mit dem gesunden Menschenverstand nachvollziehbar. Diese Regeln sollen nun tatsächlich auch für die Finanzwirtschaft gelten, statt der bisher für die Banken doch so komfortablen Praxis, dass Gewinne privatisiert, Verluste jedoch sozialisiert werden?

Meine Vermutung ist, dass das Ganze ausgeht wie das berühmte Hornberger Schießen:
Schon in der Vergangenheit wurde gemäß den Regeln der Marktwirtschaft ökonomisches Missmanagement mit einer veritablen Pleite bestraft. Vermeiden konnte man das, wenn man rechtzeitig das brutale Spielfeld der Marktwirtschaft verlassen und sich eine viel zuverlässigere Basis geschaffen hatte: Lobbyarbeit, politisches Strippenziehen und nicht zuletzt, insbesondere im Falle der Banken, eine herausragend gute Panik-PR, die in „too big to fail“ gipfelte.
Was für einen Grund gibt es also zu der Annahme, dass neu getroffene Vereinbarungen in der Zukunft eingehalten werden, wenn vorhandene Gesetze staatlicherseits schon in der Vergangenheit ausgehebelt wurden? Von US-Ökonomen gibt es folgenden schönen Satz über „systemrelevante“ (dieses Unwort darf man eigentlich nur in Anführungszeichen verwenden) Banken: „if a bank is too big to fail, it is too big“.

Lesenswertes zum Thema:
http://www.international-economy.com/TIE_W09_Meltzer.pdf – Schon 2009 war zum Thema „Systemrelevanz“ die Problematik weitestgehend bekannt
http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/abwicklung-systemrelevanter-banken-schluss-mit-too-big-to-fail-1.1546275 – Die „Süddeutsche“ im Dezember 2012 über „Systemrelevanz“ und Marktwirtschaft

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