Frau Professor

Das Thema ist zwar nicht mehr ganz brandaktuell, da sich aber die (so ganz unmännliche…) Hysterie und vor allem die schier unglaubliche Bereitschaft, irgendwelche obskuren Falschmeldungen nicht nur ungeprüft zu glauben, sondern auch noch direkt weiterzuverbreiten, hartnäckig halten, hier einige Richtigstellungen zur Verwendung des generischen Femininums in der geplanten neuen Grundordnung der Universität Leipzig:

Falsch ist,

… dass die Professoren künftig mit „Herr Professorin“ angesprochen werden müssen;

… dass an der Uni Leipzig nirgends mehr das Wort „Mann“ überhaupt noch gesagt werden darf;

… dass alle Männer an der Uni Leipzig bald Minirock tragen müssen (würde auch nicht jede/r sehen wollen, dafür muss man – wie auch frau – die Beine haben);

Richtig ist,

… dass an den meisten Unis Professorinnen sich über die Anrede „Frau Professor“ besser nicht beschweren, weil sie sonst als vergrätzte, unterv*** Hardcore-Emanzen gelten;

… dass die Uni Leipzig ein einziges Dokument, nämlich ihre neue Grundordnung, mit dem generischen Femininum formuliert hat, was nichts anderes ist als das Gegenstück zum generischen Maskulinum. Was heißt das? Wenn das generische Maskulinum verwendet wird (was einigermaßen häufig der Fall ist), lautet die gleich zum Einstieg verwendete Fußnote meist sinngemäß „Aus Gründen der besseren Lesbarkeit im Text wurde die männliche Form gewählt; die Angaben beziehen sich jedoch auf Angehörige beider Geschlechter.“ Nun machen es die Leipziger(innen) umgekehrt. Ein Professor (hiermit ist tatsächlich ein Mann gemeint) fand, dass die bisher praktizierte „Schrägstrich-Regelung“ („Mitarbeiter/innen“) zulasten der Lesbarkeit ging. Man suchte also nach Alternativen und ein anderer Professor (noch ein Mann) machte den Vorschlag, dass man doch, insbesondere, weil an der Uni ohnehin der Frauenanteil bei über 50 % liegt, das generische Femininum verwenden könne. Dieser Vorschlag wurde im Senat der Universität mehrheitlich angenommen, und das war’s auch schon. Eine praktische Lösung – wie Männer halt so sind. Das generische Femininum ist auch für Frauen ungewohnt, aber es regt zum Nachdenken an.

Für die Ermittlung dieser Fakten muss man übrigens kein Recherchespezialist sein, man muss lediglich die Artikel zum Thema weiter als nur bis zur Überschrift lesen. (Stichwort: Medienkompetenz)
Die Frage ist nun: wie besorgniserregend muss es um das Ego von Menschen bestellt sein, die sich von einer Fußnote wie „Aus Gründen der besseren Lesbarkeit im Text wurde die weibliche Form gewählt; die Angaben beziehen sich jedoch auf Angehörige beider Geschlechter“ in ihren persönlichen und geschlechtlichen Grundfesten erschüttert sehen?
Und es sind nicht nur die Leser von Tageszeitungen mit kurzen, einprägsamen Namen, die irgendwelche Schlagzeilen unreflektiert nachplappern, und von denen man ohnehin nichts anderes erwartet. Nein, verblüffend viele Menschen aller Bildungsschichten bis hin zum Hochschuldozenten sagen beim Stichwort „generisches Femininum an der Uni Leipzig“ wie aus der Pistole geschossen „Das ist doch da, wo man ab sofort die Professoren nur noch mit ‚Herr Professorin’ ansprechen darf, höhöhö“.

Ich fand es phantasielos und unbeholfen, als kürzlich beim Pokalsieg der Wolfsburger Fußballdamen der Radiomoderator sagte „Nachdem sie dieses Jahr deutscher Meister geworden sind, sind die Wolfsburger jetzt auch Pokalsieger“. Es hätten durchaus Wolfsburgerinnen und Pokalsiegerinnen sein dürfen, das hätte die Nachricht auch weniger missverständlich gemacht.
Als die ersten Männer den Beruf der Hebamme ergriffen, hat man mitnichten der Einfachheit halber auch diese Männer als „Hebamme“ bezeichnet. Nein, man hat die Berufsbezeichnung „Geburtshelfer/in“ erschaffen – weil sich die männliche Hebamme sonst in ihrer Ehre gekränkt gefühlt hätte?
Das Französische verfügt über zwei grammatikalische Geschlechter – männlich und weiblich. Die feststehende Regel in der französischen Sprache für die 3. Person Plural, also z. B. „die Sänger/innen“, lautet, dass nur bei einer ausschließlich weiblichen Gruppe die weibliche Form (die Sängerinnen) verwendet wird, und bei einer nicht ausschließlich weiblichen Gruppe, also auch wenn nur ein Mann unter 1000 Frauen dabei ist, die männliche Form (die Sänger).

Warum schreibe ich das? Nicht, um zu sagen „ätsch, gleiches Recht (oder Unrecht) für alle, jetzt seht ihr mal, wie das ist“, sondern das: wir leben als Frauen damit. So wie wir mit dem generischen Maskulinum leben, auch wenn es vielleicht nicht unser Lieblingsstil ist, und wenn viele von uns nach Möglichkeit eine Alternative wählen. Aber wir tun nicht so, als würde die Welt untergehen, der Erdball implodieren und der liebe Gott pfeifend die Reste zusammenfegen, nur weil mal eine Formulierung nicht speziell auf uns abgestimmt ist. Wer wirklich Eier in der Hose hat, den stört doch wohl kaum das generische Femininum in Leipzig!

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