Sophisticated

Es ist keine neue Idee, sich über „Denglisch“ aufzuregen bzw. das undisziplinierte Verwenden von fremdsprachigen Ausdrücken, weil der/die Sprechende entweder die eigene Muttersprache nicht gut genug beherrscht oder einen Minderwertigkeitskomplex hat, den er/sie durch das Einstreuen von fremdsprachigen Wörtern in eine normale Konversation zu lindern hofft (ein Schuss, der in der Regel nach hinten losgeht, weil die Gesprächspartner sich anschließend über einen lustig machen und man nur die Menschen beeindruckt, deren Bewunderung einem eher peinlich ist).

Trotzdem möchte ich das Interview aufgreifen, das Jörg-Uwe Hahn, FDP-Politiker und hessischer Justizminister, gestern morgen im Deutschlandfunk zum Thema „Neonazi-Netzwerk im Gefängnis“ gab.

Herr Hahn ist Jurist – man darf also einerseits einen halbwegs umfangreichen Wortschatz bei ihm voraussetzen und könnte ihm andererseits, eben aufgrund seines Berufes, auch eine gewisse Phantasielosigkeit beim Formulieren nachsehen. Das Interview war gar nicht schlecht in sprachlicher Hinsicht. Was aber völlig unverständlich ist, sind die beiden folgenden Sätze, die durch das unsinnige Einstreuen eines Begriffes aus einem anderen Sprachraum („Fremdwort“ trifft es hier einfach nicht richtig) den Hörer aufmerken ließen:

1. „Ich glaube auch, dass wir … jetzt eine sophisticated Diskussion nach hinten führen.“

und, fast unmittelbar anschließend:

2. „Das ist aber alles sophisticated.“

Sophisticated??? Lieber Herr Hahn, es gibt doch so wunderbare Wörter im Deutschen bzw. solche aus dem gängigen Fremdwortrepertoire, die wenigstens so weit in die deutsche Sprache integriert sind, dass sie – im Gegensatz zu „sophisticated“ – den üblichen Regeln der Deklination unterworfen werden. Da hätte man doch „schwierig“ sagen können, „anspruchsvoll“, „verwickelt“ oder auch, dem Juristen vielleicht etwas angenehmer, weil Fremdwort, „kompliziert“. Sie sehen, es gibt so schöne Wörter, warum mussten Sie denn – zweimal innerhalb weniger Sekunden – ein „sophisticated“ in das Interview werfen wie einen alten Autoreifen, den man mitten in den Gartenteich platschen lässt?

Ich jedenfalls war ein Stück weit surprised, fast sogar schon puzzled!

Quelle der Interviewmitschrift:

http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/2069852/

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