Volksbelustigung 2.0

Es ist noch nicht allzu viele Generationen her, da waren Gruselkabinette und Monstrositätenschauen das Vergnügen fürs Volk. Ja, da steckte die Aufklärung noch in ihren Kinderschuhen, als die Menschen sich gegen Geld an allerlei seltsamen Gestalten ergötzen konnten. Ob es der verwachsene „Zwerg“ war oder die behaarte Frau, der unförmig angeschwollene Elefantenmensch oder der schielende Bucklige – ohne Rücksicht auf ihre Würde wurden Menschen zur Schau gestellt, um ausgelacht, verspottet, oder einfach nur angewidert angestarrt zu werden.

Man möchte meinen, so etwas sei heutzutage undenkbar, mit all den verbrieften Menschenrechten.

Ja, wir haben uns tatsächlich weiterentwickelt. Denn wir zwingen niemanden mehr in einen Käfig und fahren ihn von Ort zu Ort. Nein, die Ausstellungsobjekte springen selbst auf den bunten Wagen. Und die Käfigstäbe sind aus Papier, auf dem lauter wichtige Unterschriften, Verpflichtungen, Unterlassungserklärungen und Konventionalstrafen prangen.

Sie lassen sich in Dschungelshows verfrachten und bei jeder noch so privaten Verrichtung filmen; sie lassen Filmteams in ihren Haushalt und ihre Familie, um die persönlichsten Konflikte vor aller Welt ausbreiten und in einem hässlichen Zerrspiegel darstellen zu lassen; Menschen, die nicht die leiseste Ahnung haben, auf was sie sich einlassen, werden in Kuppelshows vorgeführt wie Zuchttiere auf Viehauktionen. Und all dies wird im digitalen Gedächtnis der Welt bewahrt, auf dass die Blamage nie vergehe…

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2 Antworten zu Volksbelustigung 2.0

  1. tutnixzur@sache.de schreibt:

    Auf die Würde des Menschen wird auch heute noch nicht viel gegeben. Ich gehöre zu den 5 % der Bevölkerung, die schielen. Wehe dem, der sichtbar schielt! Der ist Hohn und Spott ausgesetzt, wird gesellschaftlich ausgegrenzt, ins soziale Abseits getreten! Ich weiß, wovon ich rede! Als Schielender muss man mit sehr, sehr wenig Freundlichkeit und Menschlichkeit zufrieden sein! Nicht selten wird einem mangelnde Intelligenz (trotz Abitur und Studium) unterstellt, oder man sei irgendwie „nicht richtig“ im Kopf. Im Berufsleben hat ein Schielender es schwer, überhaupt eine Anstellung zu bekommen, weil er von Personalchefs für „dumm“ angesehen wird. Und sollte der Schielende endlich eine Anstellung bekommen, wird er über kurz oder lang Mobbingopfer. Er wird von seinen Kollegen rausgeekelt, egal wie gut er in seinem Beruf ist. Ich spreche hier aus leidiger Erfahrung. Heute bin ich in Altersrente, aber ich kann ein Lied von alldem singen, wie mies und intolerant mit schielenden Menschen (in diesem Falle mit mir) in unserem Land umgegangen wird. Schielen gilt immer noch als das schlimmste Makel schlechthin. Wer Krebs oder Aids hat, Diabetiker ist, eine dunkle Hautfarbe oder rote Haare hat, da sind die Menschen inzwischen toleranter geworden. Aber nicht gegenüber Schielenden! Da schwelt immer noch im kollektiven Unterbewusstsein der Glaube an den Bösen Blick mit. Vor allem religiöse Menschen haben Schwierigkeiten, schielende Menschen zu akzeptieren. Und da Schielen als das schlimmste Makel schlechthin gilt, wird gewiss noch ein Jahrhundert vergehen, bis sich da etwas zum Positiven verändert.

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    • Ätzblogger schreibt:

      Ja, das ist eben unsere „aufgeklärte“ Zeit, in der wir alle so modern sind.
      Und dann sind es eben doch die niederen Instinkte, die im Umgang miteinander zum Vorschein kommen.

      Viele Grüße und alles Gute
      Andrea

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